_nicht die Ursache für deine Gewalt | _mein eigenes Schlachtfeld | _mir lieb | _mein Werkzeug | _meine Spielwiese | _ _ _

Selbst_Fremd

Es gibt da was in meinem Leben, was die meisten nicht verstehen. Es ist gar nicht so eine große Sache und nichts, von dem ich denke, dass ich es anderen erklären müsste könnte. Es ist was ganz Normales. Norm_alles.
Es ist Teil eines kapitalistischen Systems und Teil meiner Selbstpositionierung — aber es ist erzwungen. Es ist keine Selbstpositionierung in dem Sinne. Es ist eine Zwangspositionierung. Aus der es kein Entkommen gibt und auch nicht geben wird — zumindest nicht in meiner Lebenszeit. Es hat nichts mit meiner Identität zu tun (ich glaube nicht an Identität), aber sehr stark mit mir. Es ist nichts, was mensch wegreden oder wegdiskutieren könnte. Es ist mein Leben.
Mein Leben gehört mir nämlich nicht. Es hat mir noch nie gehört und es wird mir nicht gehören. Es ist nichts meins, um damit zu machen, was ich will. Es ist nicht meins, um davon Teile verschenken zu können. Es ist nicht meins, um damit großzügig zu sein, oder kleinlich. Um es auszuleben, oder einzuholen. Um es zu teilen, und erst recht nicht, um es für mich zu behalten. Ich bin hier und stecke fest. Wie habe ich dem Intendanten unseres Theaters bei den Lohnverhandlungen letztens erklärt? Meine Zeit ist kostbar. Was ich damit meinte ist: Mein Leben ist kostbar. Was ich damit meinte, ist: Mein Leben ist viel wert. Was ich damit meinte ist: Mein Leben ist TEUER. Ich kann es mir nicht leisten, mein Leben. Es ist zu teuer. Ich kann mir nicht leisten, unterbezahlt zu arbeiten, denn ich arbeite so viel unbezahlt. Aber ich meine nicht _nur_ das Geld. Trotzdem reden wir mal kurz darüber. Ich habe noch ziemlich viel Glück, was das Geld angeht. Im Moment. Und ich bin mir immer bewusst, dass es nur dieser eine kleine Moment ist, in dem ich Glück habe, mit dem Geld. Dass das jederzeit auch wieder — huch — vorbei sein kann. Ich bin mir dessen bewusst, mit jeder Faser meines Körpers und in jeder Sekunde meines Lebens. Auch wenn mein Leben im Moment vielleicht gar nicht zu teuer ist, und am Ende des Geldes nur noch ein winziges kleines Stückchen Monat übrig ist, oder sogar gar keiner, so weiß ich genau, jetzt schon, im Voraus, ab wann es das wieder sein wird. Und ich trage dieses Wissen mit mir herum, in jeder Sekunde. Jetzt. Und Jetzt. …und jetzt.

Profane Sache, über Geld zu reden, oder?

Nein.

Denn Leben ist teuer, obwohl es eigentlich wertvoll sein sollte. Ich muss mein Leben verkaufen, um über_leben zu können. Wertvoll ist das nicht. Die wertvollen Momente des Lebens spielen sich nämlich da ab, wo es nicht (mehr) um Geld geht, sondern um Nähe, Freiheit, um Selbstbestimmung, um Erkenntnis, meinetwegen, um Befrie_di_gung. Ich habe ein Interesse, dem ich nachgehen will. Aber um das zu können, muss ich es in eine Form gießen, die “angemessen” ist. Die jemand anderem entspricht, jemandem, di*er Geld über mich ausschütten kann. Da sind nicht nur Türsteher (meist ohne *innen), sonder richtige Torwächter, die mich fernhalten aus dieser kleinen Community von Leuten, deren Leben so richtig viel wert ist, weil sie kein Geld brauchen, weil sie schon mehr als genug haben, weil sie selbst so teuer sind und alles was sie besitzen auf sie abfärbt. Nein, Geld macht nicht glücklich, natürlich nicht. Aber mit Geld kann mensch verdammt viele Dinge sich leisten, die wiederum glücklich machen. Und sei es nur eine Atempause, die ich so nötig hätte. Mehr will ich gar nicht: Nur einmal kurz durchatmen. Kurz ordnen. Aber der nächste Abgabetermin, die nächste Bewerbungsfrist sind schon wieder fast abgelaufen, das Tor fast schon wieder zugefallen. Prüfung vorbei, ich bin frei? Denkste! Die nächste nicht-genutzte Chance ist schon längst um die Ecke gehuscht und außer Sichtweite! Ja, da guckste blöd! Und fängst an zu rennen und damit du schneller bist, wirfst du Dinge von dir ab: Erst nur das entspannende Romanlesen am Abend, dann das Ausschlafen am Sonntag, dann ein paar Bekannte hier und da, die du eh nur so halb mochtest. Und dann geht es ans Eingemachte. Alle deine Beziehungen sind plötzlich mit Arbeit durchzogen, und das ist auch gut so, das sind gemeinsame Interessen, gemeinsame Projekte, das IST ja euer Leben. Das ist aber auch: Ungeduld, Anspannung, kein Moment des Abschaltens mehr, und wenn doch, dann eingeplant mit Ablauffrist.

Viele Menschen haben Ansprüche auf mein Leben, aus den verschiedensten Gründen. Weil sie es mir geschenkt haben (obwohl sie es nicht schenken können) und ihr Leben in den Dienst meines Lebens gestellt haben, von Anfang an und jetzt noch immer. Weil sie für mich da sind in Krisensituationen, weil sie mich unterstützen, mich gern haben. Und ich sie, natürlich. Ich will ihnen geben können, aber, ich kann nicht. Ich muss mein Leben erst für mich selbst zurückfordern, bevor ich davon abgeben kann.

eure, jetzt schon wieder viel hoffnungsvollere, anna- Schwelle

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4 Comments on “Selbst_Fremd”

  1. tina201301 says:

    Vielen Dank für den Text. Ich bin auch in der glücklichen Position, dass das Geld reicht, aber der Preis, den ich dafür zahle, ist hoch: 4 Tage in der Woche 8 Stunden nicht mir gehören, im Wesentlichen Dinge tun, in denen ich keinen Sinn sehe, Kopfschmerzen von der Stimmung und dem Umgang der Menschen miteinander auf Arbeit bekommen.
    Aber: ich weiß, wo meine Miete und meine Krankenversicherung herkommen, und das nicht zu haben, ist auch sehr stressig. Vielleicht wäre so ein Sprung ‘raus aus dem Hamsterrad leichter, wenn wir stärkere persönliche Netzwerke hätten, mehr Zusammenleben und teilen, so dass, wenn eine_r mal die Miete nicht zahlen kann, sie_er doch nicht gleich ‘rausfliegt, und irgendwer immer irgendwoher Lebensmittel bekommen hat.
    Aber die Krankenversicherung brauche ich trotzdem…
    Ich weiß nicht so richtig, wie viel Leben dieses Hamsterrad tatsächlich abtötet. Viele versuchen es ja mit Abgrenzen und Dienst nach Vorschrift, aber trotzdem ist einfach ein Haufen Zeit und Lebensenergie futsch – häufig für nichts, außer dass irgendwelche Schlipsträger größere Zahlen in irgendwelchen Excel-Tabellen und auf ihren Konten sehen.

    • Ja, genau davon habe ich versucht zu sprechen. Besonders dann, wenn eine*r so viel im Sinn hat, was sie*r für sinnvoll erachtet und umsetzen und mit den Menschen teilen möchte, ist es so verdammt frustrierend, einen Großteil der eigenen Zeit in den Dienst des Systems stellen zu müssen. Und das hört sich hart nach Luxusproblem an, wenn ich es so ausspreche, ich weiß. Aber dieses: An m/eine Sache glauben, die aber hier keinen Platz hat, keinen Ort. Und dann die Kraft und Zeit, die ich aufwenden könnte, um mir diesen Platz aus dem Nichts zu erschaffen (und ja: das könnte ich!!) diesen Halsabschneidern in den Rachen werfen zu müssen, weil, ja, meine Krankenversicherung brauche ich. Und ja, essen muss ich auch. Und ich zahle nicht mal Miete. Und zum Abschluss fällt mir nicht mehr ein, als: Naja. (pfffffffft!!)

      AS

      • tina201301 says:

        Auch wenn es ein bisschen anders ist, finde ich, dass Ani Di Franco dieses Fremdsein auch gut ausgedrückt hat:

        ’cause some guy designed
        these shoes I use to walk around
        some big man’s business turns a profit
        every time I lay my money down
        some guy designed the room I’m standing in
        another built it with his own tools
        who says I like right angles?
        these are not my laws
        there are not my rules

        I’m no heroine
        I still answer to the other half of the race
        I don’t fool myself
        like I fool you
        I don’t have the power
        we just don’t run this place

        (siehe http://www.lyricswow.com/ani-difranco/im-no-heroine/)

  2. […] Mal sehen, wann ich wieder raus will, wann es mich wieder nach Bewegung verlangt. Ich werde aber auch das jedenfalls nicht mehr tun, weil ich denke, dass ich es muss. Ich muss schon genug in meinem Leben. […]


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