_nicht die Ursache für deine Gewalt | _mein eigenes Schlachtfeld | _mir lieb | _mein Werkzeug | _meine Spielwiese | _ _ _

Über fremde Selbstbestimmung und still-schreiende Erfolge


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Wir freuen uns heute eine Gastbloggerin begrüßen zu dürfen.  Schon lange bin ich von ihren Texten hin und weg und wünsche mir, dass ihre Stimme und das,was sie zu sagen hat laut hallt und es ordentlich scheppert.

Vorhang auf

 

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Sexuelle Selbstbestimmung“ ist ein Wort, bei dem meine erste Assoziation die weiße Frau ist, die sich sehr dramatisch von patriarchalischen Strukturen befreit.

[Ehrlich gesagt, hatte ich immer ein Problem mit „Feminismus“. Ich wollte mit ganz bestimmen Menschen nicht in einen Topf geworfen werden, aber dann entdeckte ich andere Feminismen, Gott sei Dank!]
Ich kann mir vorstellen, dass schon bei weißem Feminismus, bei dem Kolonialismus, Migration und Religion vielleicht nicht mitgedacht werden, die Frage nach sexueller Selbstbestimmung viele Seiten füllen könnte. Für mich sind solche Debatten meist ermüdend, weil sie ordentlich an den Dingen, die wirklich interessant für mich sind, vorbeischießen. Mein Körper wird nicht nur von sexistischen, männlich-dominierten Diskursen reguliert. Mein Körper ist nicht nur „weiblich“. Meine Sexualität wird nicht nur von weißer Mehrheitsgesellschaft oder ausschließlich von meiner „patriarchalischen, primitiven Kultur“ fremdbestimmt.
Ich muss mich mit mehr als einem Diskurs befassen um zu verstehen, wieso ich mir mit 13 Jahren das erste Mal die Haut „gebleacht“ habe, wieso ich erst mit 18 das erste Mal mit einem weißen Deutschen befreundet war, der mich exotisiert hat ohne mich im Geringsten damit verletzen zu können, wieso mein Körper von den meisten Ausländerinnen* mit denen ich aufgewachsen bin, als hässlich empfunden wurde und wieso unser Nachbar gestern mit völligem Unglauben und sichtlicher Empörung darauf reagiert hat, dass ich ausgezogen bin ohne geheiratet zu haben („Die Frau zieht aus wenn sie heiratet, das ist bei uns so!“ – Womit er recht hat, Ausziehen habe ich mir hart auf vielen Ebenen erkämpft).
Dazu muss ich noch sagen, dass ich in den letzten 2 Jahren, seitdem ich eben „ausgezogen“ bin, festgestellt habe, dass meine Geschichten an anderen Orten nicht so normal sind wie dort, wo ich herkomme. In dem Stadtteil aus dem ich komme, kennt jede*r jede*n und du siehst einfach selten echte Deutsche auf der Straße. Wir haben uns übrigens nie als Deutsche definiert, ich habe mich nicht mit „Weißsein/Deutschsein“ oder so beschäftigen müssen bis ich nach Berlin kam. Erst dann wurde mir bewusst, dass „Wo kommst du her“ nicht mit Solidarität, Interesse, Gemeinsamkeiten, lustigen Geschichten, „dann-kennst-du-bestimmt-[…]“ usw. zu tun hat, sobald die Frage von Weißen gestellt wird (davor wurde ich glaub ich nie von Weißen gefragt, außer von Lehrer*innen vielleicht). Jedenfalls muss ich wegen solcher kultureller Unterschiede innerhalb Deutschlands immer sehr weit ausholen, wenn ich außerhalb meines Frankfurts über alles spreche, was mich zu der gemacht hat, die ich bin.
Naja, zurück zur sexuellen Selbstbestimmung. Wenn ich einen eindimensionalen Kampf führen würde, wenn ich nur für eine und gegen eine Sache wäre, wenn ich einen Lebensentwurf hätte, der nicht auf allen Ebenen gleichzeitig widersprüchlich und genial wäre, dann wär ich vielleicht soweit hier aufzuschreiben, was genau für mich Selbstbestimmung ist. Wie ihr euch gerade denken könnt, bin ich nicht so weit und will es auch nicht sein. Der Diskurs um sexuelle Selbstbestimmung schließt mich, wie viele anderen Diskurse auch, aus. Deshalb werde ich nicht daran teilnehmen. Er ist so konzipiert, dass ich unter Druck gesetzt werde, mich genauso gut und vorbildlich zu „befreien“ wie weiße Feministinnen*. Er ist so konzipiert, dass ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich nicht emanzipiert genug bin um irgendwelchen Erwartungen gerecht zu werden, die das Label „Feministin“ so mit sich bringt. Wenn ich mitmachen will, müsste ich mich irgendwo im Kampf gegen Diskriminierung von muslimische/südasiatische Frauen in weißen patriarchalischen Strukturen positionieren, also immer gegen Vorurteile und Befreiungsversuche und Exotisierungen von Mainstreammedien und Feministinnen ankämpfen und gleichzeitig natürlich die heteronormativen Strukturen der weißen Mehrheitsgesellschaft in Frage stellen, das Konzept der Ehe, Familie, Sex, Beziehungen, Schönheitsideale, also Dinge von denen auch weiße Frauen betroffen sind. So ungefähr wird mir von den Schwestern vermittelt, wie es „richtig“ geht mit dem Feminismus.

Für mich ist das ehrlich gesagt sehr wichtiger, aber meiner Realität ziemlich ferner Quark. Meine tatsächlichen Probleme haben keine Platz in den Diskussionen, ganz im Gegenteil fühle ich mich unter Druck gesetzt und schweige sie tot. „Jetzt bloß keine Vorurteile bestätigen, sonst spiele ich dem weißen Mainstream-Feminismus in die Hände, ich muss doch jetzt beweisen, dass ich als muslimische Frau genauso emanzipiert bin wie alle anderen, außer eben dass ich rassistisch diskriminiert werde.“
Wieso ist meine Existenz eigentlich so unangenehm für viele? Ja, ich werde rassistisch und sexistisch diskriminiert. Ja, die weiße Mehrheitsgesellschaft und Medien reproduzieren gefährliche Stereotypen. Ja, ich erfahre Sexismus in meiner Community. Ja, ich, als muslimische, südasiatische Frau habe andere Probleme als weiße Frauen, weil ich nicht nur in weißen Strukturen aufgewachsen bin. Ja, ich war mein Leben lang von Sexismus in meinem Umfeld und meiner Community, die strukturell mein Leben am meisten beeinflusst hat, betroffen.
Und jetzt wird mir in euren feministischen Kreisen das alles aberkannt. Wenn ich vor irgendeiner kritisch-weißen Person sitze und davon erzähle, folgt peinliches Schweigen. Da sind die wieder, die bestätigten Vorurteile. Wieso wird mein Leben nochmal auf Klischees oder Nicht-Klischees reduziert?
Wenn ich vor einer „Person of Color“ sitze, die in einem weißen Umfeld aufgewachsen ist und den ganzen Community-Scheiß nicht verstehen kann, folgt ein „halt-die-Klappe-das-hilft-niemandem-in-unserem-Kampf-gegen-Rassismus“. Ich erkenne eure Kämpfe an, was ist aber mit meinen?
Nun, wohin mit mir?
Gestern saß ich mit meinen Mädels beim Tee und wir redeten über unsere fast kollektive Beziehungsunfähigkeit. Es folgten Analysen, mit welchen Männern würde es klappen, mit welchen nicht und wieso. Wir stellen fest, dass uns bei der Wahl Faktoren beeinflussen würden, die sehr spezifisch für uns sind. Ich könnte halt nicht auch mit dem besten Deutschen ankommen, ohne dass es irgendwo Schwierigkeiten im Umfeld, in der Familie gibt. Es folgt allgemeine Zustimmung. Keine Klischees. Jede kann sagen was sie will. Kein pseudo-strategischer Feminismus. Keine Politik. Real Life.

Wenn ich gezwungen werde, meine Probleme totzuschweigen, kann ich eben auch nicht meine Erfolge feiern. Und ich habe viele Erfolge zu feiern, die für viele, die meinen für mich zu sprechen, Selbstverständlichkeiten sind. Ich befreie mich hiermit von dem Druck und der Heuchelei, von allen hochgebildeten Feministinnen of Color die in ihren Befreiungskämpfen gegen rassistische Repräsentationsregimes unsere ökonomisch und strukturell unterprivilegierten Communities mit ihren echten Problemen ignorieren. Es tut mir leid, dass ich ein paar von den Vorurteilen bestätige, gegen die ihr kämpft, wenn ich gerade versuche auf den Scheiß hier klarzukommen.

 


Freund_innenschaft, Schland, -ismen und Grenzen

Anna Schwelle: Liebe Di Hia, du kommst ja in ein paar Tagen zu Besuch nach Deutschland (ich freu mich SO!). Wie ist das für Dich, diese Reise zu planen?

Di Hia: Ich hab Bauchweh. Vor allem weil ich gerad wieder diese ganzen Berichte über die rassistischen Angriffe lese. Ich habe Angst. Ich will meinen Freund beschützen und mir bammelt es schon vor der Flughafenkontrolle in Frankfurt. Ich mache mir Sorgen, dass er angegriffen wird.
Und dass er völlig schockiert von Deutschland ist.

Anna Schwelle: Dein Freund war vorher noch nicht in Deutschland, oder?

Di Hia: Er ist Algerier, bisher hatte er einmal ein Visum für Urlaub in Frankreich. Ein Visum zu bekommen ist gar nicht so einfach. Also, nee vorher war er nie in Schland. Aber er stellt sich das ganz toll vor. Ganz offen. Und tolerant.

Anna Schwelle: So präsentiert Schland sich ja auch gern nach außen. Und die meisten (weißen!) Deutschen haben auch dieses Bild von ihrem Land. Und das, während sich gerade  z.B. in den NSU-Morden und -Prozessen die ganze rassistische Kacke total deutlich zeigt – sowohl im “Untergrund”, als auch in den Strukturen selbst.

Di Hia: Ja. Also ich hab zum einen Sorge vor diesen Strukturen, also wir wollen z.b. mit dem Zug fahren….ob er dann z.b. wegen racial profiling unangenehme Situationen hat. Also das ist zum einen meine Angst. Und zum anderen hab ich sorge, dass aus meinem weißen Freund_innenkreis homonationalistische_antimuslimische Sprüche kommen.
(fun fact: he is not even muslim. wir aber so gelesen und dementsprechen mies behandelt werden)

Anna Schwelle: Es ist megatraurig, dass du vor sowas Angst haben musst – vor allem im eigenen Freund_innenkreis. Ich gehöre ja auch zu diesem weißen Freund_innenkreis. Und weiß, dass ich Teil des Problems bin_sein könnte. Ich weiß auch, dass du sowas schon erlebt hast. Und nach einem Umgang damit suchst.

Di Hia: Wundert dich das?
Ich meine, mein Freund_innenkreis spiegelt doch die Gesellschaft wider. Ist teil des Problem oder Lösung. Ich weiß, generell wollen die Menschen die Anti-whatever Aktivismus betreiben, nicht gerne hören welche eigenen -ismen sie noch inne haben.
Aber, also ich merke das bei mir selbst…..das ist einfach nen Haufen unangenehme Arbeit, die eigenen -ismen zu bekämpfen. So den eigenen Habitus zu beobachten ist halt schon neben dem generellen Alltagskram schwer.

Anna Schwelle: Wir sind halt Teil dieser Gesellschaft, in ihr groß geworden und haben all den Scheiß verinnerlicht. Aber das nimmt uns (ich meine: weiße Anti-irgendwas oder whatever) ja nicht aus der Verantwortung.

Di Hia: Und ich denke eben auch, dass Menschen die negativ von mehreren -Ismen gleichzeitig betroffen sind, vielleicht über weniger Kraft verfügen, den eigenen aktivistischen Ansprüchen gerecht zu werden. Bei den anderen….tja…weiß ich auch nicht

Anna Schwelle: Die Frage innerhalb einer Freund_innenschaft ist halt: wenn eins von mehreren -ismen betroffen ist, wieviel shit can s_he take?
In einer Freund_innenschaft gehts doch auch um Empathie und Zuneigung und Liebe füreinander. Aber irgendwo ist halt auch eine Grenze, bzw. was da passiert an Auseinandersetzungen und -istischen “Fehltritten” ist immer politisch aber vor allem AUCH persönlich.

Di Hia: Ach ich bin grad wieder so an einem Punkt an dem ich denke: Stell dich doch nicht so an. Schraub die Ansprüche runter. Shit happens. Aber ich glaube ich resigniere einfach. Wenn ich an Yasminas Brief denke, dann frag mich mich manchmal wozu das alles. Vielleicht brauch ich ein dickeres Fell.

Anna Schwelle: Ich denke ja eigentlich immer, dass Freund_innenschaften der Ort sein sollten, wo eins das dicke Fell ablegen kann. Aber das ist wohl vielleicht auch ein ganz schönes Privileg das so pauschal sagen_verlangen zu können. Und wenn ich so richtig nachdenke, trifft das ja auch bei mir nicht wirklich zu. Aber trotzdem….Ich meine, ich kenne Menschen, also PoC, die einfach generell gar keine Freund_innenschaft mit weißen Menschen mehr eingehen.

Di Hia: Ja. Verstehe ich gut. Hab ich auch n bisschen den Wunsch nach. Aber das ergibtsich ja von selbst. Ich hab in den letzten 3 Jahren glaub ich die Hälfte meiner weißen Freund_innen in den Wind geschoßen. Oder sie mich. Weil ich zu dogmatisch bin.

Anna Schwelle: Wir hatten ja an anderer Stelle (privat) schon mal über safer spaces in Beziehungen gesprochen….und festgestellt, dass auch intime Beziehungen nicht “einfach so” ein safer space sind, nur weil Menschen sich lieb haben.

Di Hia: Ja. Ich weiß noch wie ich generell in Frage gestellt habe, ob für eine Frau eine heterosexuelle Beziehung überhaupt safe sein kann. Oder aber eben auch für eine Person of Color eine Beziehung zu einer weißen Person. Ich glaub schon, dass das einfach ein Haufen Arbeit ist. Und mit viel Schmerz verbunden sein kann. Besonders wenn die Personen beide aktivistisch sind.

Anna Schwelle: Weil dann noch so ein Gefühl von “ich tu doch aber so viel Gutes” dazu kommt?

Di Hia: Ja, irgendwie schon. Also zum Beispiel mein Freund der nutzt sein männliches Privileg ständig in der Öffentlichkeit: er raucht auf offener Straße. Und ich sage immer: ich mag auch rauchen aber kann das nicht hier. Also lass du das auch sein. Und er: zünde dir doch auch eine an, ich beschütz dich.
Lol. Nein, er achte da jetzt drauf.
Und so eine Zigarette gibt mir auch keine Freiheit. Immerhin könnt ich sie nur rauchen, weil ich männlichen Schutz neben mir hab. Aber ich merke wie er sich denkt: Mensch, ich bin doch immer so bemüht…jetzt sei nicht so streng mit mir. Aber die Sache ist doch die: Entweder ich will mit anti- rassisitisch oder -sexistisch oder was auch immer verhalten oder nicht. Wenn ja, dann muss eben dementsprechend gehandelt werden. Es reicht nicht links und blogs zu lesen und teilen, es muss verinnerlicht werden und eben dieser oft schmerzhafte Prozess durchlebt werden, bei dem Mensch bewusst diese Privilegien ablegt.
Wer das nicht will soll bitte auch nicht jammern kommen.

Anna Schwelle: Privilegien ablegen. Oder sie nutzen, um Veränderung herbei zu führen? Oder sie erweitern und auf mehr Menschen ausdehnen? Wobei wenn ich da an die Homo-Ehe denke, nee, das ist Bockmist.

Di Hia: Sorry, also ich weiß schon dass mensch so Privilegien nicht einfach ablegen kann. Das würd ja dann bedeuten, dass ich sie mir auch ohne Probleme aneignen könnte. Aber halt eben in den bestimmten Momenten, davon nicht gebrauch machen. Oder einfach die Schnauze halten. Das ist generell find ich ne gute Sache.

Anna Schwelle: lol. das find ich auch dass das ne gute sache ist!
Und das würdest du dir auch von deinen weißen Freund_innen manchmal wünschen?

Di Hia: Dass sie die Schnauze halten. Ja wirklich.
LOL. jetzt muss ich grad total lachen.

Anna Schwelle: Hihi 🙂

Di Hia: Und n bisschen Eigenironie. Ja.
Zum Thema schnauze hatte me myself and child auch was schönes geschrieben.

Anna Schwelle: Ja, den Artikel find ich superdupergroßartig. Und er zielt zwar auf (cis)Männer und Feminismus, aber geht wahrscheinlich auch ganz gut auf Weiße und Rassismus zu übertragen.

Di Hia: Ja…halt eben je nach Unterdrückungsmechanismus glaub ich. Es gibt sicherlich genügend Themen bei denen ich auch meine Schnauze halten sollte. Das ändert aber eben nichts daran, dass ich als muslimische WoC in einigen gesellschaftlichen Diskursen in jedem Fall oft negativ von den Ausgängen betroffen bin und keine Lust habe zu schweigen

Anna Schwelle: Ja, klar, je nach Unterdrückungsverhältnis. Und da kommt das ja auch wieder mit den Freund_innenschaften, die dir eigentlich die Kraft geben sollten, damit du sprechen kannst (oder schreien, je nachdem).

Di Hia: Ich erwarte nicht mal dass ich Kraft aus weißen Freund_innenschaften ziehen kann….

Anna Schwelle: Damit hast du indirekt schon fast meine nächste Frage beantwortet… ich hab mich nämlich grad gefragt, ob für dich Freund_innenschaft auch bedeutet, dass die Person ein_e ally sein sollte….Für mich entwickelt es sich nämlich in Bezug auf Feminismus momentan schon dahin, dass ich mich von Freund_innen, die da nicht supportive sind, distanziere.

Di Hia: kann ich gut verstehen. Beziehungen sind aber auch irgendwie eine gemeinsame Reise….es ist sicherlich gut, sich gegenseitig Entwicklungsprozesse und Fehltritte zu zugestehen….aber alles hat eben seine grenzen.


Féministes Radicales, Blogroll und Sexarbeit

All women have the right to speak out against the exploitation and objectification of women. Every single one of them.

Quote von feministcurrent

Unser Blogbaby entsteht gerade erst und wir feilen und klären und denken noch eine Menge nach über wies und was…ein Thema ist natürlich: Welche Links wollen wir euch hier nahe legen? Di Hia liest im Moment besonders viel zu radikal-feministischen Strömungen und bewegt sich viel in frankophonen feministischen Kreisen. Daher der heute besprochene Link. Vorweg: Der Link wird von uns nun nicht mehr unkommentiert in der Blogroll zu finden sein.

Für folgende Unterhaltungen schicken wir eine Contentwarnung zum Thema Sex und Sexarbeit voraus.

Di Hia: Unser Dialog entsteht ja aus unserer Unterhaltung darüber, welche Links wir in unserer Blogroll haben wollen. Ich hatte die Féministes Radicales verlinkt und du hast mich gebeten, dass wir das noch ein mal besprechen. So weit ich das verstanden habe, hat dich deren Positionierung zu Sexarbeit gestört. Magst du das zu Anfang einfach noch mal etwas ausführen?

Anna Schwelle: Naja, ich bin halt die Links in der Blogroll mal so durchgegangen und stieß auf der Seite von den féministes radicales auf diesen Artikel.

Di Hia: Was hat dich an dem gestört?

Anna Schwelle: Die Féministes Radicales posten ein Video, in dem die (Radikal-)Feministin Catherine MacKinnon sehr deutlich eine komplette Illegalisierung von “Prostitution” fordert und Sexarbeit im Allgemeinen als schädlich für die Sexarbeiterinnen (und Frauen im Allgemeinen) framed, bzw. Unterscheidungen innerhalb des riesigen Feldes der Sexarbeit (legal vs. illegal, zB) für ungültig erklärt. Mir ist das alles zu krass über einen Kamm geschert und mir scheint, dass hier den Sexarbeiterinnen eine eigene Stimme abgesprochen wird. Da die Féministes Radicales auf ihrer Seite das Video nicht weiter kommentieren, muss ich davon ausgehen, dass es ihre Einstellung zum Thema widerspiegelt. Das kannmöchte ich wiederum nicht unkommentiert in unserer Blogroll haben.

Di Hia: Meinst du, dass es etwas paternalistisch ist? So wie ich die RF verstehe, gehen sie davon aus, dass es im Patriarchat keine freie Wahl FÜR Sexarbeit gibt, da diese asymmetrischen Machtstrukturen eine Ungleicheit verursachen, in der die Frauen nicht wirklich eine Wahl haben. Sexarbeit also vielleicht als Überlebensstrategie im Patriarchat? Reclaiming the body?

Anna Schwelle: Natürlich ist Sexarbeit eine Überlebensstrategie im Patriarchat — wie übrigens alle möglichen anderen Dinge, die wir tun, auch. So lange keine finanzielle Grundsicherung für alle Menschen gegeben ist, wird unser Leben daraus bestehen, aus verschiedenen Lebensversionen, in denen wir jeweils bestimmte Opfer bringen/Kompromisse eingehen müssen, die für uns passendste auszuwählen. Das gilt für Sexarbeit und für jede andere bezahlte Tätigkeit ebenso. Wir können aber Sexarbeit auch genau andersrum framen, nämlich als Möglichkeit aus dem Glauben, Frauen müssten ihre Sexualität für eine monogame, romantische heterosexuelle Zweierbeziehung, für ihren zukünftigen Mann, für “den Richtigen” aufsparen, auszubrechen und sie stattdessen aktiv für ihre eigenen Zwecke zu nutzen – selbstbestimmt und auf Augenhöhe. Ich glaube übrigens persönlich, dass keine dieser beiden Versionen 100%ig stimmt.

Di Hia: Das finde ich einen spannenden Punkt. Also diese empowernde Idee. Und so wie long way up schreibt, die Ökonomisierung der Vagina hat längst stattgefunden. Warum also nicht zu einem selbstbestimmten Preis? Und was du zu Überlebensstrategien schreibst, das wird glaub ich im Alltag viel zu oft verdrängt.

Anna Schwelle: Mein Ansatz zu Sexarbeit wäre daher eher, sie rechtlich so zu regeln, dass den Frauen, die innerhalb ihres persönlichen Kontextes sich entscheiden, dieser Art der Arbeit nachzugehen, so viel Handhabe gegeben wird, dass es rechtlich zumindest unmöglich ist, ihnen die Kontrolle über die Situation zu entziehen. Und gleichzeitig auf kultureller und sozialer Ebene daran zu arbeiten, dass die Vagina nicht mehr schon per se als ein ökonomisiertes Gut wahrgenommen wird.

Di Hia: Es bräuchte wohl soziale und ökonomische Gerechtigkeit. Wie aber stellen wir die her? Also, ich meine, generell sind Frauen Männern nicht gleichgestellt. Wie bei so einem Serviceangebot wie Sexarbeit? Was mich bei Gesellschaftsthemen immer interessiert: wem bringt das was? Also wer hätte ehrliches Interesse an einer Änderung an der Situation von Sexarbeiter*innen, außer der Arbeiter*innen selbst? Hat unsere hegemoniale Gesellschaft da Interesse dran, diese Branche zu empowern?

Anna Schwelle: Hm. Gute Frage, ich finde aber, der Feminismus sollte ein Interesse daran haben. Eben weil es im Moment so sehr mit einem Stigma versehen ist, wenn Frauen sexuell sehr aktiv sind. Jetzt stell dir aber mal vor, ein Bordell wäre der Ort, wo nur Frauen die Regeln machen. Frauen setzen ihre eigenen Konditionen fest. Eine Frauendomäne. Sex als Frauendomäne. Ich weiß selbst grad nicht, was das für größere Auswirkungen und Implikationen hätte, aber ich finde es einen interessanten Gedanken.
…der auch ein bisschen verzwickt ist, natürlich. Das Patriarchat zwingt uns diese Idee auf, dass Sex etwas ist, was Frauen aufgeben, und diktiert uns die Konditionen, zu denen wir es aufgeben dürfen: Monogamie, Heterosexualität, Ehe, Kinderwunsch, “Liebe”, etc. Jetzt sagen Frauen: Nee. Wir geben es zu unseren eigenen Konditionen auf, und nur zu denen. Fuckya! (Auch wieder eine etwas romantisierte Vorstellung von mir, ist mir klar)

Di Hia: Ich frage mich gerade, ob ich mir vorstellen könnte dort zu arbeiten. Sex hat für mich nicht nur schöne Seiten, sondern ist auch mit viel Schmerz und Druck verbunden. Ich habe viele sexuelle Erlebnisse mit Männern gehabt, die mir ein unschönes Gefühl bereitet haben. Sex ist eine Performance, die ich im heterosexuellen Kontext im Schlaf (…) beherrsche. Ich glaub, das teile ich mit vielen Frauen. Wir wissen, wie wir uns verhalten müssen, damit der Akt so und so verläuft. Ich erinnere mich, und das ist heute noch teilweise so, dass ich die Performance durchziehe, obwohl ich keine Lust habe. Dies geschieht vor allem aus meinem eigenen Harmoniebedürfnis heraus, aus meiner Annahme, dass Sex nunmal dazu gehört. Ich habe da selbst soviele Abläufe, Anforderungen und Muster in mir….das ist schwer da raus zu kommen. Der Gedanke, mit Sex Geld zu verdienen…der scheint mir, neben meinen moralischen Bedenken, die sicherlich durch meine Sozialisation konstruiert sind, eigenlich gar nicht so schlecht.

Wobei:
Wir reden ja gerade über Sexarbeit von Frauen an Männern und im Kontext von Misogynität ist das doch schon sehr problematisch, finde ich. Egal, ob ich mir das jetzt für mich vorstellen kann, ist für mich klar: Sexarbeiterinnen dürfen von fundamentalen Rechten nicht ausgeschlossen werden und auch nicht kriminalisiert werden. Diese Forderung teilen wir, oder?

Anna Schwelle: Ja, die teilen wir auf jeden Fall! Und ich teile auch deine Gefühle zu Sex, die du grade geäußert hast. Wobei bei mir die Konsequenz eine ganz andere wäre: Da ich so wenig Spaß an Sex (mit Männern) habe, bzw. nur so selten Lust habe, mit Männern Sex zu haben, kann ich mir genau gar nicht vorstellen, mit Sex Geld zu verdienen. Zumindest nicht in der full-service-Version. Aber ich glaube irgendwie, dass durch die Beschäftigung mit Sexarbeit und mit den rechtlichen und gesellschaftlichen Implikationen von Sexarbeit auch das “private” Sexleben und dessen auch ökonomisierte Aspekte ins Bewusstsein rücken. Also so Fragen wie: Wann habe ich Sex und warum? Mache ich da grad “mit”, weil ich eigentlich irgendwas anderes will, von dem mir das Patriarchat erzählt, dass ich es nur im Austausch gegen Sex bekommen kann?

Di Hia: Da fällt mir ein Gedanke ein, den ich schon länger habe:
Ist eine heterosexuelle Beziehung überhaupt möglich, wenn bereits eine gesellschaftliche Ungleichheit für diese Beziehung vorbestimmt ist. Und diese Ungleicheit sich auch mit ins Schlafzimmer schleicht. Und wie sehr kann ich eigentlich selbst klar haben, weshalb ich mich auf sowas einlasse? Wenn ich ehrlich bin, Sex als Thema schüchtert mich ganz schön ein. Und offensichtlich nicht nur mich.

Anna Schwelle: Ja, ich glaube das geht ja vielen Frauen so: Sex ist schließlich dreckig und schmutzig und als “reines Wesen Frau” dürfen wir darüber nicht reden…. irgendwie spiegelt sich genau das vielleicht auch in diesem Bestreben von Catherine MacKinnons und von Radikalfeministinnen, Sexarbeit als Ganzes zu illegalisieren, ohne überhaupt die Stimmen der Arbeiter*innen selbst zu hören?

Di Hia: Könnte sein ja. Aber eben auch als ganz klares Nein, die Frau als reines Sexobjekt zu manifestieren. Und ich glaube Sexarbeit ist so ein krasses Thema in unserer Gesellschaft, und wir haben da im Grunde null Ahnung von, weil wir eben keine Berührungspunkte mit Sexarbeiterinnen haben. Aber, in dem Moment wo ein Movement, mit dem ich mich identifiziere, Frauen fundamentale Rechte und Teilnahme an Gesellschaft verwehrt….da fühle mich mich als Feministin aufgefordert, meine Solidarität mit Sexarbeiterinnen zu formulieren.
Bzw. Generell meine feministischen Forderungen klar zu haben und keine Reproduktion von Ausschlüssen zu supporten.

Anna Schwelle: Zum Schluss möchte ich noch diesen Link empfehlen, damit dieses Gespräch wenigstens nicht ganz ohne die Stimmen von Sexarbeiter*innen bleibt:

Really, what’s not to love about being paid $200 to tell a man that he’s not good enough to touch me, or $80 for a man to lick me for half an hour?

–Eine Sexarbeiterin über ihre Arbeit, Kommentar Nr. 63

Vulva Heart

Foto of a Graffitti: Red Heart with a Vulva in it on white wall.

Are u with us?
Was sind eure Gedanken zu Sexarbeit und Feminismus?