_nicht die Ursache für deine Gewalt | _mein eigenes Schlachtfeld | _mir lieb | _mein Werkzeug | _meine Spielwiese | _ _ _

Über fremde Selbstbestimmung und still-schreiende Erfolge


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Wir freuen uns heute eine Gastbloggerin begrüßen zu dürfen.  Schon lange bin ich von ihren Texten hin und weg und wünsche mir, dass ihre Stimme und das,was sie zu sagen hat laut hallt und es ordentlich scheppert.

Vorhang auf

 

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Sexuelle Selbstbestimmung“ ist ein Wort, bei dem meine erste Assoziation die weiße Frau ist, die sich sehr dramatisch von patriarchalischen Strukturen befreit.

[Ehrlich gesagt, hatte ich immer ein Problem mit „Feminismus“. Ich wollte mit ganz bestimmen Menschen nicht in einen Topf geworfen werden, aber dann entdeckte ich andere Feminismen, Gott sei Dank!]
Ich kann mir vorstellen, dass schon bei weißem Feminismus, bei dem Kolonialismus, Migration und Religion vielleicht nicht mitgedacht werden, die Frage nach sexueller Selbstbestimmung viele Seiten füllen könnte. Für mich sind solche Debatten meist ermüdend, weil sie ordentlich an den Dingen, die wirklich interessant für mich sind, vorbeischießen. Mein Körper wird nicht nur von sexistischen, männlich-dominierten Diskursen reguliert. Mein Körper ist nicht nur „weiblich“. Meine Sexualität wird nicht nur von weißer Mehrheitsgesellschaft oder ausschließlich von meiner „patriarchalischen, primitiven Kultur“ fremdbestimmt.
Ich muss mich mit mehr als einem Diskurs befassen um zu verstehen, wieso ich mir mit 13 Jahren das erste Mal die Haut „gebleacht“ habe, wieso ich erst mit 18 das erste Mal mit einem weißen Deutschen befreundet war, der mich exotisiert hat ohne mich im Geringsten damit verletzen zu können, wieso mein Körper von den meisten Ausländerinnen* mit denen ich aufgewachsen bin, als hässlich empfunden wurde und wieso unser Nachbar gestern mit völligem Unglauben und sichtlicher Empörung darauf reagiert hat, dass ich ausgezogen bin ohne geheiratet zu haben („Die Frau zieht aus wenn sie heiratet, das ist bei uns so!“ – Womit er recht hat, Ausziehen habe ich mir hart auf vielen Ebenen erkämpft).
Dazu muss ich noch sagen, dass ich in den letzten 2 Jahren, seitdem ich eben „ausgezogen“ bin, festgestellt habe, dass meine Geschichten an anderen Orten nicht so normal sind wie dort, wo ich herkomme. In dem Stadtteil aus dem ich komme, kennt jede*r jede*n und du siehst einfach selten echte Deutsche auf der Straße. Wir haben uns übrigens nie als Deutsche definiert, ich habe mich nicht mit „Weißsein/Deutschsein“ oder so beschäftigen müssen bis ich nach Berlin kam. Erst dann wurde mir bewusst, dass „Wo kommst du her“ nicht mit Solidarität, Interesse, Gemeinsamkeiten, lustigen Geschichten, „dann-kennst-du-bestimmt-[…]“ usw. zu tun hat, sobald die Frage von Weißen gestellt wird (davor wurde ich glaub ich nie von Weißen gefragt, außer von Lehrer*innen vielleicht). Jedenfalls muss ich wegen solcher kultureller Unterschiede innerhalb Deutschlands immer sehr weit ausholen, wenn ich außerhalb meines Frankfurts über alles spreche, was mich zu der gemacht hat, die ich bin.
Naja, zurück zur sexuellen Selbstbestimmung. Wenn ich einen eindimensionalen Kampf führen würde, wenn ich nur für eine und gegen eine Sache wäre, wenn ich einen Lebensentwurf hätte, der nicht auf allen Ebenen gleichzeitig widersprüchlich und genial wäre, dann wär ich vielleicht soweit hier aufzuschreiben, was genau für mich Selbstbestimmung ist. Wie ihr euch gerade denken könnt, bin ich nicht so weit und will es auch nicht sein. Der Diskurs um sexuelle Selbstbestimmung schließt mich, wie viele anderen Diskurse auch, aus. Deshalb werde ich nicht daran teilnehmen. Er ist so konzipiert, dass ich unter Druck gesetzt werde, mich genauso gut und vorbildlich zu „befreien“ wie weiße Feministinnen*. Er ist so konzipiert, dass ich jedes Mal ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich nicht emanzipiert genug bin um irgendwelchen Erwartungen gerecht zu werden, die das Label „Feministin“ so mit sich bringt. Wenn ich mitmachen will, müsste ich mich irgendwo im Kampf gegen Diskriminierung von muslimische/südasiatische Frauen in weißen patriarchalischen Strukturen positionieren, also immer gegen Vorurteile und Befreiungsversuche und Exotisierungen von Mainstreammedien und Feministinnen ankämpfen und gleichzeitig natürlich die heteronormativen Strukturen der weißen Mehrheitsgesellschaft in Frage stellen, das Konzept der Ehe, Familie, Sex, Beziehungen, Schönheitsideale, also Dinge von denen auch weiße Frauen betroffen sind. So ungefähr wird mir von den Schwestern vermittelt, wie es „richtig“ geht mit dem Feminismus.

Für mich ist das ehrlich gesagt sehr wichtiger, aber meiner Realität ziemlich ferner Quark. Meine tatsächlichen Probleme haben keine Platz in den Diskussionen, ganz im Gegenteil fühle ich mich unter Druck gesetzt und schweige sie tot. „Jetzt bloß keine Vorurteile bestätigen, sonst spiele ich dem weißen Mainstream-Feminismus in die Hände, ich muss doch jetzt beweisen, dass ich als muslimische Frau genauso emanzipiert bin wie alle anderen, außer eben dass ich rassistisch diskriminiert werde.“
Wieso ist meine Existenz eigentlich so unangenehm für viele? Ja, ich werde rassistisch und sexistisch diskriminiert. Ja, die weiße Mehrheitsgesellschaft und Medien reproduzieren gefährliche Stereotypen. Ja, ich erfahre Sexismus in meiner Community. Ja, ich, als muslimische, südasiatische Frau habe andere Probleme als weiße Frauen, weil ich nicht nur in weißen Strukturen aufgewachsen bin. Ja, ich war mein Leben lang von Sexismus in meinem Umfeld und meiner Community, die strukturell mein Leben am meisten beeinflusst hat, betroffen.
Und jetzt wird mir in euren feministischen Kreisen das alles aberkannt. Wenn ich vor irgendeiner kritisch-weißen Person sitze und davon erzähle, folgt peinliches Schweigen. Da sind die wieder, die bestätigten Vorurteile. Wieso wird mein Leben nochmal auf Klischees oder Nicht-Klischees reduziert?
Wenn ich vor einer „Person of Color“ sitze, die in einem weißen Umfeld aufgewachsen ist und den ganzen Community-Scheiß nicht verstehen kann, folgt ein „halt-die-Klappe-das-hilft-niemandem-in-unserem-Kampf-gegen-Rassismus“. Ich erkenne eure Kämpfe an, was ist aber mit meinen?
Nun, wohin mit mir?
Gestern saß ich mit meinen Mädels beim Tee und wir redeten über unsere fast kollektive Beziehungsunfähigkeit. Es folgten Analysen, mit welchen Männern würde es klappen, mit welchen nicht und wieso. Wir stellen fest, dass uns bei der Wahl Faktoren beeinflussen würden, die sehr spezifisch für uns sind. Ich könnte halt nicht auch mit dem besten Deutschen ankommen, ohne dass es irgendwo Schwierigkeiten im Umfeld, in der Familie gibt. Es folgt allgemeine Zustimmung. Keine Klischees. Jede kann sagen was sie will. Kein pseudo-strategischer Feminismus. Keine Politik. Real Life.

Wenn ich gezwungen werde, meine Probleme totzuschweigen, kann ich eben auch nicht meine Erfolge feiern. Und ich habe viele Erfolge zu feiern, die für viele, die meinen für mich zu sprechen, Selbstverständlichkeiten sind. Ich befreie mich hiermit von dem Druck und der Heuchelei, von allen hochgebildeten Feministinnen of Color die in ihren Befreiungskämpfen gegen rassistische Repräsentationsregimes unsere ökonomisch und strukturell unterprivilegierten Communities mit ihren echten Problemen ignorieren. Es tut mir leid, dass ich ein paar von den Vorurteilen bestätige, gegen die ihr kämpft, wenn ich gerade versuche auf den Scheiß hier klarzukommen.

 

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_keine Sportmaschine

Da bin ich wieder. Ich komme grad vom Joggen zurück. Also: “Joggen”.

Ich habe seit August letzten Jahres, als ich für die RuhrTriennale als (Re-)Performerin gearbeitet habe (war kein Spaß, das könnt ihr mir glauben) und dafür fit sein musste, keinen Sport mehr gemacht. Und wenn ich sage: keinen, dann meine ich das auch so. Die meiste Bewegung, die ich mir und meinem Körper zumute, geht vom Bett aus einmal durch die Wohnung, zu Fuß zur Bushaltestelle, von da zum Büro und zurück. Ich laufe manchmal Treppen. Das ist alles.

Und langsam merke ich, wie das anfängt, mich einzuschränken. Bin ich mal spät dran und muss zum Bus rennen, brauche ich danach eine halbe Stunde, um mich zu erholen. Wenn ich schwer bepackt mit Taschen durch die Stadt muss, geht mir der Atem aus. Mein_ Freund_in sagt, meine Lunge pfeift, wenn ich atme. Hat sich wohl verengt, weil ich brauche ja nicht so viel Luft. Ich rauche auch, das macht es wohl nicht besser. Ich bin immer müde und alles kommt mir anstrengend vor.

Mein nicht Sport treiben hat natürlich Gründe. Einer davon ist, dass mir Sport noch nie Spaß gemacht hat und selbst als ich regelmäßig welchen betrieben habe (Basketball, Karate), war meine Ausdauer trotzdem immer schlecht und jeder Meter rennen immer noch ein Kampf. Ich hatte auch nie dieses Gefühl des Fitseins, das immer so gepriesen wird, oder das Gefühl, dass der Sport mir Energie gibt. Ich fühle mich nach dem Sport immer ausgelaugt und der Resttag ist danach eigentlich hin, weil ich fertig und müde bin. Manches liegt wohl einfach auch an der eigenen körperlichen Disposition. Ein anderer Grund ist aber auch eine Art Trotzreaktion gegen diesen Fitnesszwang, diese Gesundheitsnorm, diesen Körper-Optimierungswahn, der mich_uns überall umgibt. Und der nicht_Bewegung unweigerlich in Zusammenhang mit Fett_werden bringt und Fett_sein auf nicht-Bewegung zurück führt.

Laut der kursierenden Erzählungen über Fett, Gesundheit, Sport und Essen müsste ich fett sein, sehr fett. Bin ich aber nicht. Also stimmt eure Erzählung nicht. Also hört auf mit dem verdammten fat-shaming! Das ist das Eine. 

Das andere ist: Ich will in diesen Diskurs von “Ich mache Sport, weil es mir gut tut” nicht einsteigen, weil dieser “ich mach das nur für mich”- oder “wenn du es für dich selber machst, ist es in Ordnung”-Diskurs so unglaublich häufig mit einer Verinnerlichung von patriarchalen Zwängen zusammenhängt und davon ablenkt, dass das alles Teil einer Körperpolitik ist, die versucht, alle Probleme aufs Individuum abzuwälzen.

Überlegt doch mal die inhärente Un_Logik: Unsere Gesellschaft ist seit Jahrtausenden damit beschäftigt, ihre Zivilisation so einzurichten, dass di*er Mensch*in sich so wenig wie möglich bewegen oder gar körperlich anstrengen muss. Wir müssen nicht mehr weit laufen, nicht mehr schwer tragen, nicht mehr selbst etwas bauen oder h_errichten (von jagen und sammeln will ich hier gar nicht erst sprechen), alles was körperliche Schwerstarbeit und damit automatisch Training für unseren Körper bedeutet_e, wird nun entweder von Maschinen oder von bestimmten Mensch*innen verrichtet, die zu einer bestimmten Klasse gehören (auf die wir auch noch herabblicken!). Wir sind also kontinuierlich damit beschäftigt, Bewegung und körperliche Anstrengung_Arbeit aus unserem Leben zu verbannen. Und stellen GLEICHZEITIG die Forderung auf, dass mensch*in Sport braucht_en muss, um sich wohl_er zu fühlen?!? Sinn macht das nicht. Außer…..

…ich möchte das jetzt mal anders angehen: Sport ist eine Ware.

Aldous Huxley (ich mit meinem bürgerlichen Bildungswissen, jajajaja) wusste das auch schon und malte sich aus, wie Sport in s_einer manipulativen Utopie Teil der kapitalistischen Konsumfo_erderung ist:

“Primroses and landscapes, he pointed out, have one grave defect: they are gratuitous. A love of nature keeps no factories busy. It was decided to abolish the love of nature, at any rate among the lower classes; to abolish the love of nature, but not the tendency to consume transport. For of course it was essential that they should keep on going to the country, even though they hated it. The problem was to find an economically sounder reason for consuming transport than a mere affection for primroses and landscapes. It was duly found. “We condition the masses to hate the country,” concluded the Director. “But simultaneously we condition them to love all country sports. At the same time, we see to it that all country sports shall entail the use of elaborate apparatus. So that they consume manufactured articles as well as transport. Hence those electric shocks.” Aldous Huxley: Brave New World, Chapter 2

Gut, bei uns werden jetzt keine Elektroschocks eingesetzt, um die Menschen zum Sport zu treiben. Aber body_fat_shaming, Krankheits- und Todesvorhersagen, unerreichbare Schönheitsideale, Fitnessmythen und die allgemeine Körperpolizei — sind auch ganz schön kraftvolle Manipulationsinstrumente, nicht?

Sport ist eine Ware. Welchen Sport kann mensch*in denn schon für völlig umsonst betreiben? Genau: in den Wald gehen und joggen. Dafür “brauche” ich: Laufschuhe, Laufbekleidung, und – je nach Bedarf – verschiedenen Krims krams. Vor allem brauche ich aber einen Willen zur Leistung, einen Willen zum Durchhalten, einen Willen zur Selbstoptimierung, der mich immer wieder hechelnd durch den Wald treibt, damit ich mir nachher einreden kann, dass ich etwas geschafft und geleistet habe. Nicht für irgendwen (natürlich nicht, ist es ja nie) sondern ganz allein für mich selbst. Dieses “leisten” im (nicht immer Leistungs-)Sport, das ist es, was mich stört. Das ist meine Freizeit, da will ich nichts leisten. Da will ich frei_e Zeit haben, ganz einfach.

Sport heißt aber:

an sich arbeiten — sich immer weiter treiben — “diesen Punkt an dem du nicht mehr kannst überschreiten” — über deine Grenzen hinaus gehen — deine Zeit verbessern — dünner//schöner//fitter//gesünder werden

Dagegen sperre ich mich. Immer wieder Selbstoptimierung, die mich schon genug kaputt macht in allen anderen Lebensbereichen. Immer dieses Stimmchen im Hinterkopf: Ist das genug? Bringt das denn so überhaupt was? Wenn du jetzt x machst, dann musst du aber später auch yz machen, sonst bringt das doch alles gar nichts! (und: Das schaffst du doch eh nicht!)

Ganz oft ist da der einzige Ausweg, selbstbewusst zu sagen: Ich WILL es auch gar nicht schaffen. Es GEHT doch auch gar nicht darum, etwas zu schaffen. Wenn ich etwas wirklich NUR FÜR MICH tue, dann geht es doch nur darum, das ICH MICH WOHL FÜHLE. “Ich tue es nur für mich” geht nicht zusammen mit “Ich tue es gegen meinen Willen”. Darum mache ich keinen Sport. Ich habe auch heute keinen Sport gemacht. Ich war im Wald und ich hab mich bewegt. Bin immer mal wieder ein Stück gelaufen. Hab mich ein bisschen gedehnt. Immer so, dass ich nicht hecheln und keuchen und nach Luft schnappen musste. Immer so, dass ich die Sonne, das schöne Wetter und das Vogelgezwitscher wahrnehmen und sogar genießen konnte. Immer so, dass der Bewegunsmodus meiner inneren Lust entsprach. Und hier ist ja wieder so ein Widerspruch: Die Lust an der Bewegung trainieren wir unseren Kindern ja meistens sehr effizient ab (spätestens in der Schule).

Hat bei mir gut geklappt: Mein bevorzugter Bewegungsmodus ist: bei Sonne im Gras liegen.

Mal sehen, wann ich wieder raus will, wann es mich wieder nach Bewegung verlangt. Ich werde aber auch das jedenfalls nicht mehr tun, weil ich denke, dass ich es muss. Ich muss schon genug in meinem Leben.

Un_Sportliche Grüße, eure

anna- Schwelle