_nicht die Ursache für deine Gewalt | _mein eigenes Schlachtfeld | _mir lieb | _mein Werkzeug | _meine Spielwiese | _ _ _

Tausche schwache Blase gegen Regelschmerzen…#nicht

Es ist 3h20, ich wache auf, weil meine Blase droht zu platzen. Ich muss drinkend pinkel. SOFORT. Aber meine Beine sind schwer und ich hab das Gefühl das Klo ist unerreichbar weit weg.

Hilft nicht. Aufstehen und pinkeln.

Ahhhhhhhhhhhhhhhh.

Das geht jetzt schon seit Tagen verzeihung Nächten so.

Als ich vor fünf Wochen den ersten Schwangerschaftstest gemacht hab, dachte ich es sei ein schlechter Scherz. Der 2., 3., 4. und der 5. Test ließen mir das Lachen vergehen und ich fiel ziemlich hart und total verwirrt auf den Boden der Mutterschaftstatsachen.

Schwanger. Ich. Hab ich nicht noch vor einigen Wochen ziemlich gegen das ganze gewettert? Da hätt ich mal meinen Mund nicht so weit aufreißen sollen……

So ganz hab ich mich immer noch nicht von dem Schrecken erholt. Aber so richtig Raum zum durchatmen hab ich auch nicht. Mir ist seit Wochen den ganzen Tag über so schlecht, dass ich nicht klar denken kann.

Ich schlafe unruhig und habe unheimlich Schiss. Das wächst mir alles über den Kopf.

Mein 1. Besuch beim Arzt verlief auch nicht gerade so wie ich mir das vorgestellt habe:

ist das Ihre 1. Schwangerschaft?

äh also bin ich echt schwanger?

haben Sie meine Frage nicht verstanden?

Äh (Tränen fangen an zu kullern) also ich, also bin ich schwanger?

Mein Gott, verstehen Sie einfache Fragen nicht? Klar sind Sie schwanger. Jetzt tun Sie mal nicht so, als sei das ein Wunder.

Äh. Doch, für mich ist das eins.

Ach kommen Sie, Sie Menschen werden seit eh und je schwanger, das ist jetzt nicht so mega spektakulär.

Ich bin so schrecklich überfordert. Wenn das Würmchen mich mal einige Stunden in Ruhe lässt, werde ich nervös und Sorge mich, dass es ihr_ihm nicht gut geht. Wenn Würmchen meinen Kreislauf durcheinander bringt, frage ich mich, ob das je aufhört. Es fühlt sich ungefähr so an, als tanze es in meinem Baum zu einer Mischung aus Drum n# Base und Lounge Musik

Ich habe keinen Hunger, will nichts essen. Und wenn doch, dann nur so unerreichbares Zeug.

Also letzte Woche zum Beispiel:

Ich sitze auf dem Sofa, den ganzen Tag nur n bisschen Haferbrei und Apfel runter bekommen und auf einmal…da werd ich richtig kribbelig weil ich unbedingt Pommes von Mc Donald’s essen will. Und zwar nicht nur so, sondern im Disneyland Paris. Ich bin fast ausgerastet. Ich hab diese Gelüste nicht aus meinem Kopf bekommen und würde richtig pissig, weil ich wusste: never gonna happen.

Der nächste Mc Donald’s ist ca. 1 Flugstunde von mir entfernt und in meiner Verfassung quasi unerreichbar. Der werdende andere Elternteil hat dann versucht mich mit Bratkartoffeln halbwegs zufrieden zu stellen. Auswegslos.

Ich lese mich durch Foren, versuche anderen Eltern Tipps zu entlocken und hab mich noch nie so verwirrt gefühlt wie gerade.

Das Kind nicht zu bekommen habe ich auch überlegt. Die Lebensumstände in die das Würmchen geboren wird, schienen mir eher so semiwundertoll. Aber dann, dann hab ich mir gedacht:

Die Welt braucht doch noch mehr tolle Menschen – warum soll Würmchen nicht dazu gehören.

So sehr die Selbstzweifel auch an mir nagen, das Kind werd ich jetzt schaukeln.

Ich muss mir jetzt nur klar werden, welche Erwartungen da jetzt von außen an mich getragen werden und welche Erwartungen ich an mich selber habe. Ich muss jetzt lernen, vor allem darauf zu hören, was ich selber möchte und was zu meiner Lebensrealität passt.

Damit der Status des Kindes rechtlich klar ist, waren wir zum Beispiel gezwungen, zu heiraten. Obwohl wir das beide eigentlich nicht wollten. Nur ohne Trauschein…..da wäre Würmchen unehelich und das ist in unserem momentanen Lebensmittelpunkt Algerien leider ziemlich scheiße. Und für einen eventuellen Umzug nach Deutschland, da bräuchten wir auch einen Trauschein, denn der Familiennachzug gestaltet sich nicht so leicht. So finden wir uns jetzt schon in einem Lebensalltag, der alle andere als locker flockig ohne so eine doofe Hochzeit laufen kann :-/

Mit der Heirat habe ich nach alg. Recht nicht gerade den Jackpot gezogen. Aber immerhin KONNTE ich überhaupt heiraten. Viele Menschen haben ja nicht mal die Möglichkeit, sich diese soziale und rechtliche Sicherheit anzueignen, weil sie z.b  illegalisiert sind oder ihre Transidentität im Ehe- und Familienrecht nicht mitgedacht wurde. Die können auch nicht so einfach schwupp die wupp heiraten und alles ist Friede Freude Schokoingwernusskuchen.

Wie ich nun mit den an mich getragenen Mutterschaftserwartungen umgehe……

Also das weiß ich noch nicht genau. Das wird wohl ein Spagat zwischen minimaler Selbstbestimmung und nörgeliger Angepasstheit an deutsch-algerische Familienbilder.

Schön ist, dass ich diese Reise nicht alleine machen muss. Bisher freuen sich alle werdenden Großeltern und andere wichtige Menschen der Wahlfamilie.  Und ich lese fleißig hier und hier über alles was jetzt so neu sein wird.

Wobei ich mir schon auch ein bisschen denke, dass Schokolade vielleicht eine gute Alternative zu Bettgeflüster ist…

Advertisements

Geht das nicht ein bisschen schnell? Über Zeit und andere Faktoren

Was ist eigentlich Zeit?

El O El

In Lie_Bes_ziehungen ticken diee Uhren anders.

Ich verliere mein inneres Zeitgefühl, die Zeitunterschiede und gebe allem eine neue Bedeutung. Je nach dem mit wem ich diese Beziehung eingehe definieren wir für uns neue Maßstäbe. Zeit ist relativ. Zeit ist relativ un_wichtig in Beziehungen zu mir und meiner Umwelt.

Es gibt Beziehungen, da macht Zeit mach ich mir Angst

nach so langer Zeit solltest du mich aber besser kennen

wie kann das sein, dass du das immer noch nicht verstanden hast

wie kommt es, dass du dss jetzt erst machst

wie kannst du mich nach so langer Zeit hier alleine lassen

wir hatten doch so eine schöne Zeit

wie viel Zeit brauchst du noch

nimm dir die Zeit die du brauchst

Zeit heilt alle wunden

Zeit ist geld

Zeitvertreib

Zeitverlust

Zeitspanne

Zeitarbeit

Zeit Zeit Zeit

Ich hab mal drei Jahre damit verbacht zu warten. Ich hab gewartet, dass mein Exfreund aufhört sich täglich mit schlechtem Gras die Birne wegzuballern. Gewartet, dass er sich für ein super kitschiges Zusammensein mit mir entscheidet. Morgens aus dem Bett kommt und ein perfekter vorzeige Boyfriend wird. Ich war 15 er 16.

Dann hab ich noch mal ungefähr drei Jahre damit verbracht, mir eine lösung für folgende Situation zu überlegen: Neue liebe neues glück. der neue super sweete boyfriend neigte dazu, mir unter dem tisch kleine tritte zu versetzen um mir klar zu machen, dass er keine lust mehr hat bei meinen freund_innen abzuhängen. die tritte taten weh. als ich mich gelöst habe hat es monate gedauert bis er sich beruhigt hat. ein mal kam ich morgens in die fh und der arsch hatte den ganzen eingangsbereich zugetaggt. und mein fahrrad. und meine haustür. nur damit ich mit der zeit nicht vergesse, dass er mich wirklich liebt und so. Ich war 21 er auch

Die letzte lange Zeitspanne macht wouhouuuuu 6 jahre aus.Davon hab ich gefühlte 15 jahre versteckt in einem riesen haus verbracht. 33 Jahre hab ich gewartet bis wir zusammen ziehen und nach 3 minuten gemerkt: never gonna happen. Da war ich 27 er 28

Die Zeitangabe hier ist natürlich quatsch.

Sich zeit nehmen. sich kennen lernen. Zukunft planen. sich verletzen. sich enttäuschen.

Sich lösen von Zeit.

Morgen morgen nur nicht heute…..

Was du heute kannst besorgen…entsorgen

Also was ich sagen will: manchmal liegt es nicht unbedingt an zeit dass die dinge nich klappen.

Es kann mich jahre “kosten” bis ich merke, dass dieses und jenes vielleicht doch nicht für mich gemacht ist.

Und manchmal….ja manchmal da reicht ein kurzer moment um etwas klar zu haben.

Zu merken: das geht nicht gut.

oder

Das geht gut.

Ich schreibe hier von klassischen 2-er Heterobeziehungen –  dass ist das einzige muster zu dem ich meinen senf dazu geben kann. für den rest hab ich zu wenig erfahrung. Kann mir aber vorstellen, dass meine These  mit der Zeitbubble nicht nur klassische Beziehungen trifft.

Viel zu oft hab ich schon gedacht, dies mal ists für immer. und immer hab ich dabei ziemlich klar, dass immer ebenso ein zeitfenster ist wie ein jahr, ein tag etc.

Ich liebe dich jetzt erstmal für immer

sing Lydia Daher leise im Hintergrund und macht mir ein angenehm sicheres gefühl.

ich glaub es ist okay menschen ab und zu für immer zu lieben.

wenn menschen sich neu verlieben passieren spannende dinge im umfeld. ich kenn das selbst von mir. ich bin eine löwinnenfreundin. ganz genau schau ich mir die neue person an der seite meiner lieben an. bin skeptisch. mach mir sorgen. trau dem ganzen nicht.

tja. pech gehabt. denn. manchmal.geht.alles.ganz.schnell.

nicht zu schnell. aber schnell.

manchmal verstehen wir nicht in welchen zeitzonen die anderen sich bewegen. manchmal leiden wir unter zeitverschiebung. haben einen jetlag. manchmal geht alles einfach ruck zuck. keinen bock zu warten. momente genießen. alle konsequenzen in kauf nehmen. zeit austrickses konventionen brechen.

ich leg die uhren ab. ich lausche dem rhythmus meines atems. achte auf meinen puls. versuche eine verbindung zwischen herz und kopf zu flicken. wunden entgültig zu schließen. narben gut zu pflegen. mich zu schützen oder eine mauer zu errichten.

mich um mich kümmern. baustellen in sommerpause schicken. in den ruhestand. mir einen ort schaffen, der mir gut tut.

es fühlt sich gut an grad. ich mach das jetzt. let’s have a party.

P.S.: Eigentlich müsste hier noch eine ganz riesen Zeile zu Freund_innenschaften und Zeit hin. Das kommt dann noch….

Di Hia


P.S.: Ich mach das schon – wie ich lernte mein Blut selbst zu entsorgen

Danke

Danke für eure tollen Beiträge zu meinem letzen Post. Das war ein wirklich schönes Gefühl von Solidarität und es tat gut euch zu lesen! Und tatsächlich, einige von euch hatten noch Tipps, die ich bisher nicht so bewusst wahrgenommen hatte.

Dafür hab ich euch vegane Cupcakes gebacken und für den B12 Ausgleich gibts hier Abhilfe.

IMG_3018

IMG_2619

 

Ich möchte gerne heute noch einmal auf eure genannten Tipps zu sprechen kommen und mit euch weiter überlegen, was uns wie helfen könnte.

Ich sammel hier noch einmal alle genannten Tipps:

  • freie Menstruation (Buchtipp Caroline Oblasser “Regelschmerz ade! Die freie Menstruation: Methode ohne Binden, Tampons und Co.”)
  • Buscopan
  • Wärmflasche
  • Badewanne
  • hormonelle Verhütung
  • Bei Verdacht auf Endometriose evtl. OP
  • Scharfgabentee/ Tees
  • Yoga
  • Sport
  • Masturbation/ Orgasmen
  • Schwangerschaft
  • B12 und Magnesium Haushalt im Auge behalten
  • Gluten- und Laktosefreie Ernährung
  • Akupunktur
  • Metamizol
  • Homoöpathie
  • Wechselduschen
  • Seed Cyrcle

Mensch…..fällt euch was auf? Das is ne ganze Menge, die uns da angeboten wird. Ne ganze Menge, die mit Kosten und/oder evtl. gesundheitlichen Folgen verbunden ist.

Aber da fehlt was! Merk ihr’s? Keinerlei Tipps für unsere Umwelt! Ich würde mir so wünschen, dass sich auch meine Umwelt wenigstens ein klitze kleines bisschen an meine Regelmässigkeit anpasst. Ihr auch? Im Zuge des letzten Post wurd mir dieser Text empfohlen und ich würde in unsere Debatte bzw. unseren Austausch gerne noch eine politischere Ebene mit einbringen.

In dem oben verlinkten Artikel lese ich:

menstruieren wird meist als individuelles problem der person, die menstruiert angesehen. wenn eine_r probleme mit der eigenen regelmäßigen blutung hat, wie schmerzen, schlechte laune, unwohlsein oder scham, dann gibt es meist individualisierte ratschläge: schmerzmittel, hormoneinnahme, vielfältigste hygieneangebote. die frage, was diese probleme bedingt, wird sich eigentlich nie gestellt.

Nun meine Frage:

Was für eine Umwelt brauchen Menschen die (schmerzhaft) regemässig Bluten ?

Stimmt ihr der Aussage (ebenfalls im o.g. Text) zu, dass bluten politisch ist und alle etwas angeht?

Wenn ja, was für Konsequenzen wollen wir daraus ziehen?

An dieser Stelle möchte ich abschließend auf Manus Frage eingehen:

Wie meinst du das eigentlich mit der Selbstbestimmung durch den MoonCup? Ich finde, dass man zumindest was Nachjustieren/Ausleeren angeht, noch viel mehr an hygienische Bedingungen gebunden ist, als das bei Tampons/Binden der Fall ist. Ich hab den Cup oft nicht sofort so hinbekommen, dass er dicht war – das auf der Bürotoilette (unisex, Waschbecken im nicht verschließbaren Vorraum) zu richten, war kaum möglich. Hab’s dann leider aufgegeben. Würd ihm aber gern noch eine Chance geben. Hast du da vielleicht irgendwelche Tipps?

An Anfang hab ich auch etwas rumgehampelt aber nach mehrmaligem testen, in Ruhe daheim bei mir da lief es wie geschmiert gings dann problemlos und dicht. Der Cup kann auch in auf der Toilette einfach gut mit Klopapier ausgeschwischt  und dann wieder eingeführt werden. Die Hände auch gtu amputzen und dann kann ohne Probleme ans allgemeine Waschbecken heran getreten werden. Lieb_er Manu, versuchs doch noch mal…vielleicht klappt es ja jetzt!

Tatsächlich erlebe ich den Cup als totale Selbstbestimmung. Ich bin nicht mehr angewiesen auf den einen nahe gelegenen Supermarkt oder einen Mülleimer im WC. Egal wo ich bin, der Cup bzw. das Blut kann direkt mit ins Klo oder in den Fluss oder wo auch immer ich gerade rum hänge. Das ist klasse.

Das Einführen klappt, für mich , auch wirklich problemlos….schwubdiwupp:

Ein weiterer Punkt der Selbstbestimmung: Ich achte viel weniger auf nervige “Hygieneartikel” Werbung. Ich hab das Gefühl, das meine Blutung weniger ökonomisiert wird und ich mich ein Stück weit von den Konsumzwängen befreit haben, die an Menschen, die bluten herangetragen werden.

Und wenn dann doch mal wieder ein Macker Mensch eine unpassende blöde Bemerkung über mein Blut und meine Blutung und sowieso und überhaupt macht…tja, dann bleibt am Ende immer noch eins. Und zwar: zack den Cup ins Gesicht. Bam.

In diesem Sinne…..ich wünsche allen denjenigen, die schmerzhaft bluten baldige Linderung und denen, die nicht bluten, aber gerne bluten würden: Zuversicht und Selbstvertrauen.

Solidarische Grüße

Di Hia


Who holds the key? Gedanken über ausschließen, einschließen und zusammenschließen

Aufgrund Eurer positiven Rückkmeldungen auf die Diskussion zwischen Anna Schwelle und Di Hia ist das Format des folgenden Postings wieder ein Gespräch, diesmal mit Di Hia und René_. Es handelt sich hierbei um eine Momentaufnahme von einer Begegnung zweier unterschiedlicher Welten, die aufeinander neugierig sind und sich gegenseitig verstehen wollen. Wir haben viele Dinge angesprochen und nichts zu Ende gedacht, aber ins Rollen gebracht. Wir freuen uns auf Euer Feedback und nehmen es als Anlass, uns weiter mit den angesprochenen Themen auseinander zu setzen. Viel Freude beim Lesen!

Di Hia: und ich frag mich ob ich noch schokolade habe
René_: ganz wichtig, hab ich mir auch grad welche reingezogen
Di Hia: ich habe smarties gefunden
Di Hia: René_, so möchtest du doch, dass ich dich anrede, oder? also in den letzten monaten hatten wir wenig austauschmöglichkeiten. es gibt da aber so einige themen, über die wir unsere perspektiven austauschen wollten. vielleicht magst du kurz den kontext beschreiben, in dem wir uns kennen gelernt haben?
René_: Richtig, Di Hia, ich möchte gerne mit René_ angesprochen werden, am besten in der französischen Aussprache 🙂 Wir haben uns über eine gemeinsame Freundin in einem italienischen Restaurant in meiner Heimatstadt kennen gelernt und gleich Reibungen und Sympathien verspürt. Aber intensiver in den Austausch sind wir auf einer gemeinsamen Reise getreten, mit unserer Band The LGBTQIs nach Köln zu unserem zweiten ever Auftritt und Du warst als 1a-Groupie mit dabei und hast uns supportet! Während der Fahrt haben wir viel diskutiert und gemeinsam Jazztexte gequeert.
Di Hia: Oh ja, der Audre Song! Da sollten wir noch mal ein Video zu machen, oder? Ich erinner mich noch gut daran, wie ich genörgelt habe wegen irgendwas und du sagtest, ich soll nicht so bitchy sein. Weiß du noch? Ich konnte und kann das immer noch nicht haben, dieses wort.
René_: Ja, das weiß ich noch sehr genau. Ich habe mir angemaßt, mich selbst mit einem Wort zu bezeichnen, das oft essenzialisierend gegen Frauen gewendet wird und mich dabei gleichzeitig mit in dieses Subjekt “Frau” gegeben. Ich kann und konnte auch damals verstehen und akzeptieren, dass Du dieses Wort nicht haben kannst. Für mich signalisiert es einerseits diese essenzialisierende und abwertende Praxis, welche die bezeichnetete Person als nicht ernst zu nehmend markieren soll, und ich verwendete es damals in einer Attitüde, die ein selbstbewusstes oder freches Ich-darf-mich-so-verhalten-wie-andere-es-bitchy-nennen-und-stolz-darauf-sein. Damit wende ich mich gegen diese Abwertung, indem ich mich stolz selbst abwerte.
Di Hia: Hm ja. Das hab ich bis jetzt noch nicht ganz verstanden. Für mich war das damals vor allem: René (damals noch ohne Unterstrich) ist ein Mann und ein Mann darf mich so nicht nennen. das war wirklich schlimm für mich. Also wenn das von einer Frau gekommen wäre, hätte ich ne andere Diskussionsbasis gehabt. Aber das war damals echt…puh.
René_: Entschuldigung, ich erinnere das falsch. Es stimmt, ich habe Dich erst mit dem Wort bezeichnet und dann darauf hingewiesen, dass ich mich genauso freimütig damit bezeichne. Und damit darauf aufmerksam gemacht, dass ich Dich und mich in derselben Gemeinschaft sehe, die diesem stigmatisierenden Gebrauch ausgesetzt ist. Wenn es nicht dieselbe Gemeinschaft ist (sage ich aus der heutigen Perspektive), dann zumindest zwei einander nahe stehenden Gemeinschaften, die von einer stärkeren Gruppe stigmatisiert werden.
Anscheinend hat meine Innenperspektive schon damals nicht mit Deiner Wahrnehmung von mir “als Mann” übereingestimmt. Ich gestehe Dir natürlich zu, mich so wahrzunehmen, insbesondere, wenn meine Kleidung darauf hinweist.
Di Hia: Ja, cool da bewegen wir uns schon in Richtung Explosionsthema: Sind wir ähnlich stigmatisiert oder gibt es in unseren Lebensrealitäten, Stigmata die sich überschneiden? Hast du Lust das wir da gemeinsam drüber nachdenken?
René_: Ja, ich habe Lust gemeinsam mit Dir darüber nachzudenken. Hier ein erster Antwortversuch von mir:
Ich würde sagen, wir leben in derselben Gesellschaft, die von Mechanismen der Unterdrückung geprägt ist, die sich auf unterschiedlichen Achsen auswirken, aber von ähnlichen, verbundenen Quellen ausgehen. Dies würde ich ein heterosexistisches, misogynes, homo- und transphobes, cisgenderisches, rassistisches, arrogantes, maskulinistisches, ableistisches, lookistisches, hegemoniales, kapitalistisches und klassistisches Patriarchat nennen. Das arbeitet mit Abwertungen und Stigmatisierungen, die sich auf Dich und mich verheerend, aber im Detail unterschiedlich auswirken. Ich empfinde demungeachtet jedoch eine Solidarität sowohl auf individueller Ebene von mir, René_, zu Dir, Di Hia, und von mir als “insert my identity tags here” zu Dir als “insert your identity tags here”.
Di Hia: Jein. Ich spüre immer ein mulmiges Gefühl, wenn die individuellen identity tags mehr platz bekommen als wie die gesellschaft mich liest. also dass das so ist hat sicherlich stark mit dem kontext in dem ich sozialisiert bin zu tun und ich bin auch gerne bereit bzw. sehe die notwendigkeit dies ggf. in frage zu stellen. aber: also ich werde als frau gelesen und als frau behandelt. da kann ich mir noch soviel andere tags geben. was bleibt: ich bin bestimmten gefahren ausgesetzt, habe berufliche einschränkungen etc. auf grund dieses frau seins. und das seit 27 jahren und eben auch für noch ne weile. also, hilf mir noch mal, wie meinst du könnten sich unsere erfahrungen was das angeht gleichen? also für mich und das tut mir leid, wenn ich dir damit individuell unrecht tue, aber für mich wirst du als mann gelesen und hast männliche privilegien. ich verschöner das jetzt nicht extra, damit wir in eine dikussion kommen. ich hoffe ich krieg die gradwanderung zu gunsten des blogeintrags hin!
René_: kein problem! find ehrlichkeit ja gut!
Di Hia: also auch wenn ich jetzt provokant bin, ist das nur zwecks blogeintrag und klarheit für die leseR_innenschaft ok?
René_: was meinst Du damit, wenn Du sagst, “wenn die individuellen identity tags mehr platz bekommen als wie die gesellschaft mich liest”? Mehr platz bekommen worin in dem, was ich gesagt habe?
ja, ok, von mir aus geht diese art von überspitzen grad noch
Di Hia: nein, also wenn -überspitzt gesagt- wir jetzt alle uns selbst taggen, verschwimmt ja das eigentliche problem. also ich kann mir noch so oft sagen, dass ich z.b so frau sein als konstrukt kritisiere und mich selbst liebe so und so labeln will – aber das würde nichts an den gefahren, denen ich als frau ausgesetzt bin ändern. also, interpretier ich das jetzt bei dir richtig, dass du dich nicht als mann bezeichnen würdest?
René_: ich glaube, zu verstehen, was Du sagst. ich würde mich wie folgt beschreiben: Ich identifiziere mich nicht mit der Identität “Mann”, ich will kein “Mann” sein und ich lehne “Männlichkeit” sogar für mich als Identitätsangebot/zwang ab. Das ist eine Innensicht, eine Aussage über mein Fühlen und Wollen/Nicht-wollen. Zusätzlich kann ich Dir biografisch erzählen, dass ich bei meiner Geburt als Mann bzw. männlich gelabelt wurde, dies sich in allen staatlichen und Familiensystemen fortgeschrieben hat und ich den übergrößten Anteil der Lebenszeit, die ich verbracht habe, als Mann gelesen wurde, und männliche Privilegien genossen habe. Darüberhinaus habe ich auch noch weitere Privilegien “genossen”, wie Weißsein, einen akademischen Habitus haben, ein bürgerliches Elternhaus haben, über keine bis wenige materiellen Sorgen zu verfügen.
René_: Wenn ich mich nicht als Mann selbst bezeichen will, heißt das nicht, dass ich abstreiten will, mit männlichen Privilegien ausgestattet zu sein
René_: Das ist eine Innensicht, eine Aussage über mein Fühlen und Wollen/Nicht-wollen.”
Di Hia: Ah okay. Danke, diese Klarheit habe ich gebraucht!
Di Hia: okay. glaubst du diese analogie würde gehen:
Di Hia: “Ich identifiziere mich nicht mit der Identität “weiß”, ich will kein “Weißer” sein und ich lehne “Weiß sein ” sogar für mich als Identitätsangebot/zwang ab.
René_: ja, das ginge, ich glaube, das ginge mit vielen Aussagen über Identitäten, die von anderen gegeben werden. das heißt nicht, dass man nicht in gesellschaftliche Kategorien eingeteilt werden kann, die diesen Identitätslabeln entsprechen. Gesellschaftliche, machtvolle Kategorisierungen kann ich in einem inneren Prozess bearbeiten, ablehnen, transformieren etc., aber nicht in ihren machtvollen, realen Auswirkungen ignorieren.
Ich nehme an, dass männlich wahrgenommene Menschen in dieser maskulinistischen, misogynen, patriarchalen Gesellschaft über mehr Macht in Beziehungen und in Institutionen verfügen.
Macht das für Dich Sinn? Ist das verständlich beschrieben?
Di Hia: hm. was wäre denn jetzt wenn eine weiße person sagt: “ey ich bin eigentlich schwarz. nee, ganz im ernst, im herzen bin ich schwarz” hm….also da wird mir persönlich ja ziemlich komisch bei. ich weiß nicht ob das als analogie genommen werden kann, wie gesagt. ja, und dass als mann gelesene menschen in unserer gesellschaft einfach mal ne ganz andere lebensrealität als als frau gelesenen menschen haben, also darüber brauchen wir glaub ich nicht sprechen. aber das ding ist doch, dass du eben immer wieder von diesem männlichen privileg profitierst und profitieren kannst. also auch wenn du das label eigentlich für dich ablehnst. wie kommen wir also von diesen gesellschaftlichen lebensrealitäten zu einem gemeinsamen battlefield?
René_: Keine Ahnung, was diese weiße Person, die im Herzen schwarz ist, noch alles damit ausdrücken will. Ich finde zum Beispiel nicht, dass sie damit gleichzeitig folgendes verbinden darf: 1. “Ich bin in meinem Handeln nicht rassistisch, weil ich fühl mich ja schwarz.” 2. “Ich werde hier rassistischerweise als schwarze Person diskriminiert” (das macht für mich gar keinen Sinn, sie wird ja nicht als schwarze Person wahrgenommen/gelesen). 3. “Ich kann persönlich wissen, wie es ist, als schwarze Person diskriminiert zu werden und darüber Aussagen machen, wie sich das anfühlt, denn ich fühle mich ja schwarz.”
Di Hia: Sorry, aber also wer als weiße person wirklich meint, sie_er ist im herzen Schwarz hat jawohl den Schuss nicht gehört. Wenn Schwarz Sein eine politische Selbstbezeichnung ist, die von Menschen gewählt wurde, die einen gemeinsamen Erfahrungshorizont und gemeinsame stigmata haben, also sorry, aber da kann dann kein weißer mensch daher kommen und das für sich auch reklamieren.
René_: Ich glaube, ein wesentlicher Punkt, um den es uns beiden geht, ist das “Reklamieren”. Ich vermute, dass bei Dir gerade ganz viel Kontext noch mitschwingt, wenn Du diese Aussage (“ich fühle mich im Herzen schwarz”) diskutierst, und zwar in der Hinsicht, dass diese Person in Deiner vorstellung/Erfahrung/konstruiertem Beispiel etwas für sich reklamiert. Ich wüsste gerne, was das sein könnte. Für mich steht diese Aussage erstmal isoliert da als Selbstbezeichnung und ich verbinde damit noch keine Claims.
Di Hia: Eine weiße Person kann sich nicht als Schwarz selbstbezeichnen. Nein, also damit bin ich nicht einverstanden. Sie kann weiß sein und von anderen -ism betroffen sein, ja, aber sie ist nicht Schwarz, weder im herzen noch sonst wo.
René_: Okay, da würde ich jetzt gerne eine sein/sollen-Unterscheidung einführen.
Di Hia: okay passt
René_: Du hast ja oben eine Analogie gebracht und das Beispiel von dieser fiktiven weißen Person genannt, die sich als “im Herzen schwarz” bezeichnet. Das nehme ich jetzt als (fiktives) Sein erstmal als Teil einer Realität an, als Teil etwas, das mir in der Zelt begegnen kann.
Und was Du jetzt zuletzt sagst (und auch vorher, wenn du vom nicht gehörten Schuss sprichst), dann machst Du eine normative Aussage, dass diese Person das aufgrund Deiner Vorstellungen/Werte etc. nicht darf. (Was ich hiermit nicht angreifen oder noch nicht inhaltlich kommentieren, sondern konzeptuell unterscheiden will.) Macht diese unterscheidung für Dich Sinn?
Di Hia: also, eine weiße person, die mir als woman of color sagt, dass sie im herzen schwarz sei (was soll das denn überhaupt sein ey) , also ja, da würd ich sehr klar sagen, dass das nicht klar geht.
René_: Okay, ich verstehe, dass Du das normativ ablehnst. Ich hatte ja vorhin noch die mit dieser Selbstaussage verbundene Frage nach Claims: Was könnte denn so eine Person reklamieren, was Du ablehnst?
Di Hia: Selbstbezeichnungen sind ja in Diskussionen um Rassismus immer sehr wichtig. Wenn ich mich als Woman of Color tagge, dann bedeutet das, dass ich eben über einen ähnlichen Erfahrungsrucksack verfüge wie andere WoC auch. Diese Erfahrungen grenzen sich von den Erfahrungen, die weiße Frauen machen ab. Es mag Überschneidungen geben aber eben auch abgrenzungen. Wenn da jetzt eine weiß Frau zu mir sagt, ich weiß wie du dich fühlst, obwohl eine geschilderte situation eben ganz klar nur passieren konnte weil ich eben nicht-weiß bin, ja dann regt mich das ziemlich auf und verletzt mich vor allem.
jetzt ist das natürlich was geschlechts_identitäten angeht noch mal ne andere sache. wenn ich jetzt zu dir sage : rené_ du bist ein mann und von daher ist es für mich klar, dass du in beistimmten themen eben nicht mit reden darfst etc. dann wird das für uns dann problematisch, wenn du für dich dieses mann sein so gar nicht fühlst und wohlmöglich von anderen männern auch kommuniziert bekommst: du bist kein “echter” mann.
(wenn eine person von anderen weißen personen kommuniziert bekommt: du bist nicht weiß, ist sie warscheinlich eine PoC, oder? Also ich bin unsicher mit diesen Analogien aber finde das doch ganz hilfreich so um n bisschen zu strukturieren)
René_: (ich denke auch.)
Mit der Selbst(nicht)bezeichnung “ich fühle mich nicht als Mann, lehne es ab, ein Mann sein zu müssen, will kein Mann sein” ist ja noch kein Claim expliziert.
An dieser stelle der Unterhaltung sehe ich jetzt verschiedene Wege fortzufahren: 1. Ich würde gerne jetzt folgende Aussage von Dir kommentieren: “aber das ding ist doch, dass du eben immer wieder von diesem männlichen privileg profitierst und profitieren kannst. also auch wenn du das label eigentlich für dich ablehnst.”
Di Hia: ich nehm tor 3!
René_: 2. Wir könnten jetzt analytisch weiter diskutieren (und vllt zwischenresümieren), in wiefern diese Analogie “Selbstbezeichnung ich bin im Herzen schwarz” ist gleich analog zu “Selbstbezeichnung ich bin im Herzen eine Frau” funktioniert oder nicht funktioniert.
3. Wir könnten über spezifische Themen und Situationen sprechen, die Du und/oder ich für problematisch halten, in denen menschen, die sich als Frau selbst bezeichnen, aber denen bei ihrer Geburt das Geschlecht “männlich” zugeordnet wurde, von Themen/Unterhaltungen/Situationen ausgeschlossen werden, die von Menschen geführt werden, die sich als Frauen selbst bezeichnen und dies kongruent ist mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde. (Ende meiner Aufzählung *g* nen Zonk hab ich nicht eingebaut)
Di Hia: würde mich sehr interessieren wie du deinen alltag erlebst, da du ja für dich ja eben die kategorien nicht so magst und ich glaube auch schon eine selbstbezeichunung für dich hast, mit der du zufrieden bist. da würd ich gerne mehr drüber wissen.
René_: Das wär dann Punkt 4. Ich könnte das ja mit Punkt 1 verbinden.
Di Hia: ich hab schon relativ viel raum in unserem blog bekommen, ich würde mich gerne über dich unterhalten und dir die möglichkeit einer plattform geben, was meinst du? ich glaub du hast viel zu erzählen.
René_ : Da ich weiß, dass ich danach eine Artikelserie schreiben will, mach ich mir da grad keine Sorgen drüber. Ich finds spannend, mit Dir über Deine Gedanken/Kritiken etc. zu sprechen und gemeinsam zu durchdenken, fand ich bis jetzt sehr fruchtbar.
Di Hia: für heute abend würde ich tor 3 nehmen glaub ich.
René_ : Also 3. Wir könnten über spezifische themen und situationen sprechen, die Du und/oder ich für problematisch halten, in denen Menschen, die sich als Frau selbst bezeichnen aber denen bei ihrer Geburt das Geschlecht “männlich” zugeordnet wurde, von Themen/Unterhaltungen/Situationen ausgeschlossen werden, die von Menschen geführt werden, die sich als Frauen selbst bezeichnen und dies kongruent ist mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde.
Di Hia: Da hätt ich schon die erste anmerkung: “die sich als frauen selbst bezeichnen” also äh gehts hier nicht doch eher eben über den erfahrungswert den diese personen haben und der als konseuqenz wohl die feststellung “oh ich bin wohl ne frau” hat?
René_ : Ich habe bereits beim vorherigen Thema festgestellt, dass Du Wert auf die Unterscheidung zwischen Selbstbezeichnung einer Identität und von der Gesellschaft gegebene/gelesene/immer wieder hergestellte Identitätskategorie legst. Diese Unterscheidung halte ich auch für erkenntnisbringend und sinnvoll.
Meine ganze Formulierung im zweiten Fall war ja “die von Menschen geführt werden, die sich als Frauen selbst bezeichnen und dies kongruent ist mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde.” Damit verknüpfe ich jetzt auch (ohne das noch mit hinzugefügt und offen gelegt zu haben) eine Sozialisation seit der Geburt in diesem weiblichen Geschlecht. Damit verbunden ist auch die Erfahrung, von anderen immer wieder als Frau behandelt und zur Frau gemacht zu werden.
Di Hia: Ich persönlich bin großer fan von women only räumen. dass dies evtl. ausschlüsse produziert war mir bis vor kurzem nicht ganz bewusst. lese da grad erst zu….
René_ : Der problematische Punkt ist, was meinst Du, was meinen die beteiligten Personen, welche Menschen in der “women only”-Definition enthalten sind? Hier würde ich das Präfix cis einführen. Frauen, die seit ihrer Geburt als Frauen leben/behandelt werden/aufwachsen/sich fühlen und den dazu gehörigen Körper haben, kann Mensch als Cisfrauen bezeichnen. Mir scheint, dass in bestimmten “women only”-Räumen Menschen, die bei ihrer Geburt als Mann etikettiert und seitdem so erzogen und behandelt wurden, einen mehr oder weniger eindeutig männlichen Körper haben und aber seit einer längeren Periode versuchen, als Frau zu leben, ihren Namen, ihre Kleidung und vielleicht sogar ihren Körper dementsprechend verändert haben, ausgeschlossen werden. Also Cisfrauen ja, Transfrauen nein.
Di Hia: ja. ich glaub das ist auch oft so. also wenn cisfrauen über ihre gewalterfahrungen etc. berichten, dann verändert sich die art und weiser der beschreibung und der gruppendynamik vielleicht, wenn eine transfrau im raum ist? könnte das sein?
René_ : Sicherlich wird das einen Einfluss auf die Situation haben, ob eine Transfrau anwesend ist oder nicht, insbesondere wenn sie als solche gelesen wird. Eine Transfrau, die als Cisfrau “passed” (also den Geschlechtstest, den unsere Wahrnehmung ihnen auferlegt, als Cisfrauen bestehen), würde wohl einen derartigen Einfluss nicht ausüben (wohl aber einen anderen, wie jede anwesende Frau die Situation beeinflussen würde).
René_ : Es ist ja durchaus denkbar, dass eine Transfrau an einer Gesprächsrunde für “Frauen, die in einer Beziehung zu einem männlichen Partner Gewalterfahrungen gemacht haben” (als Beispiel) Interesse hat, teilzunehmen, weil sie sich davon angesprochen fühlt.
Die Frage ist jetzt, ist der “women-only”-Raum offen für sie, wie wird mit ihr umgegangen? soll sie ausgeschlossen werden, weil sie vor ihrer Transition vom männlichen fremdzugewiesenen zum weiblichen selbstgewählten Geschlecht als Mann gelebt hat, ein männliches Privileg hatte? Soll sie ausgeschlossen werden, weil ihre Transartigkeit, ihre nicht herkömmlich präsentierte Weiblichkeit als bedrohlich für diesen geschützten Raum empfunden wird?
Di Hia: tja. da hab ich ehrlich gesagt keine antwort drauf. ich glaub das müssen wir differenzieren. also nehmen wir mal ein fiktives seminar zum thema x: hm also schau mal hier. bei der femoco da sind trans* und inter* menschen willkommen. das finde ich als cisfrau klasse und gut und hoffe 1. ich kann dabei sein und bin 2. total gespannt auf den ganzen unterschiedlichen input und die energie, die wir da zusammen tragen werden.
René_ : das sieht total super aus und ich befürworte ein solches vorgehen total!
Di Hia: ja aber z.b da hat ne weiß person nichts zu suchen.
René_ : Ja, und das halte ich auch nicht für problematisch.
Di Hia: ok
René_ : Lass uns einen weiteren Fall ansprechen, wenn Du damit einverstanden bist. Wir haben nun den Fall von Cisfrauen und Transfrauen diskutiert. Das sind relativ klare, stabilisierte Kategorien. Es gibt ja auch Menschen, die sich noch in einer Transition von Geburtsgeschlecht zu gewünschtem Geschlecht befinden, die sich vielleicht noch nicht haben operieren lassen (können), oder dies nicht wollen, die bisher Hormone nehmen, aber keine OP wollen. Solche Menschen könnten sich als transsexuell verstehen, aber man könnte auch den Begriff transgender anwenden.
Transgender ist ein weniger stabiler begriff, er ist fluide.
Di Hia: oh ich brauch immer stabilität, fluid kram macht mich unsicher. hilf mir auf die sprünge und definier das noch mal eben für mich ok? also menschen, die zwischen dem einen und dem anderen gender hmm…”schweben”?
René_ : In der definition von Leslie Feinberg, die sich durchgesetzt hat, wird transgender als ein Überbegriff, ein sogenannter umbrella term (oder franzisiert terme-parapluie) verstanden, der eine Vielfalt von Identitäten bezeichnet, die sich nicht in der binären Geschlechterdifferenz verorten wollen.
Di Hia: okay, danke. die erklärung hilf mir. lass uns versuchen nicht zu sehr “fachsprache” zu nutzen, damit alle leser_innen mitkommen.
René_ : Da gibt es eine große Menge an unterschiedlichen Identitäten, ich zähle mal einige zur Illustration auf: genderbender, genderblender, gender outlaw, androgyn, drag queen, drag king, crossdresser, genderqueer, bi-gendered, third-gender, und der begrifflich/kozeptuell etwas stabilere Bereich von Transsexuellen, ob pre-/post-/non-OP, Transmann/Transfrau, ftm (=female-to-male) und mtf (male-to-female). Die Fälle von Menschen, die sich als transgender oder die anderen genannten Identitäten verstehen und sich aber nicht eindeutig als transsexuell etikettieren, nicht alles mögliche unternehmen, um klar in einem fixen Zielgeschlecht anzukommen, diese Fälle könnten problematisch in unserem Gedankenbeispiel eines Workshops für women-only werden. Was machen wir/die Gesellschaft/die women-only-Gruppe mit einer Person, die unklar in ihrer geschlechtlichen Selbstpräsentation zu lesen ist und um Teilnahme an einer derartigen Gesprächsrunde bittet?
Weil diese Frage wichtig ist, finde ich das von Dir genannte Beispiel der femoco2013 gut, da die Organisator*innen von vorneherein kommunizieren, dass sie 1. über diese Frage nachgedacht haben und 2. eine klare Antwort geben, nämlich in diesem Fall, Zitat: “Wir, das sind alle Frauen, Trans* und Inter*, die sich als Schwarze, of Color, als jüdisch, im Exil lebend, als Sinti und Roma oder als Migrant_in verstehen.”
Di Hia: also.
da fällt mir folgendes ein:
also, eine person bittet eben an teilnahme an dem seminar xy, das eigentlich nur für cis frauen ist. bzw es ist nicht ganz klar. da wäre ja ein dialog dafür wichtig, dass eben die veranstalter_innen klar kommunizieren weshalb jetzt der zugang nur für cisfrauen ist und das die anfragende person eben erklärt, weshalb sie sich angesprochen fühlt und an dem seminar teilnehmen mag etc. oder?
René_ : Genau. Eine Patentlösung habe ich da nicht, aber ein einfühlsames Gespräch zwischen Veranstalter*innen und transgender-Teilnehmer*in halte ich für notwendig.
Di Hia: da müssen dann beide seiten abwägen: die veranstalter_innen müssen sich bewusst machen, was eine zu- oder basage für die gruppe und die perosn bedeuten könnte und vor allem für den inhalt und die dynamik des seminars. und die anfragende person muss für sich klar haben, zu welchen bedingungen ihr die teilnahm nun wichtig ist. ob es sonst evtl. auch alternativen gibt. vielleicht kann ja dann in zukunft eben mehr auf die berdürfnisse von transgender personen eingegangen werden.
also, sag mal wie ist das denn eigentlich? ich bin da überhaupt nicht drin. dafür lebe ich einfach schon zu lange in einem ausländischen kontext, der das wenig als thema hat
René_ : Was ich wichtig finde, ist das “wir”, also alle Menschen, die sich als Teil einer feministischen Bewegung verstehen, gemeinsam daran arbeiten, diese Bewegung nicht trans*- und inter*Menschen ausschließend zu gestalten. Meine mittelfristige Utopie ist ein inklusiver Feminismus.
Ja, ich bin da auch keine große Autorität. Ich habe im letzten halben jahr in Paris gelebt und dort oft genug Situationen erlebt, die unklar waren, oder sogar viele Situationen, in denen explizit nur Cisfrauen zugelassen waren. Dort habe ich in der feministischen Bewegung also viele Orte erlebt, die diesbezüglich keine klaren Ansagen gemacht haben und auch anscheinend nicht darüber reflektiert hatten. Oder sich bewusst in einer transphoben Manier trans*Menschen ausschließend gegeben hatten.
Di Hia: Nadine Lantzsch hat doch jetzt das Buch Queer_Feminismus rausgebracht. Hast du das?
René_ : Ne, das hab ich nicht, aber hätte ich gerne 🙂
Di Hia: Oh dann schicken wir mal liebe grüße zu Nadine, vielelicht kriegen wir ein Exemplar zur Rezension?
René_ : Gerne.
Di Hia: also ich glaub ich hab da zu allem zu wenig antworten drauf. das frustriert mich grad ein bisschen. womit hängt das zusammen? glaubst du das ist meine eigene heteronormative sozialisation?
René_ : Heteronormativ finde ich das jetzt nicht. Um die sexuellen Orientierungen der Menschen geht es ja bisher nicht. Vielleicht suchst Du das Wort cisgenderisch? Oder transphob? Aber damit möchte ich Dich gar nicht bezeichnen, denn Du bist sehr offen und einfühlsam und fragst nach und hörst zu.
Di Hia: ich bin in deutschland aufgewachsen, ich vermute mal ich hab mit dem ganzen sozialisationspaket auch ne portion transphobie mit abbekommen….die ich versuche zu verstehen und zu dekonstruieren. grmpf. ich bin grad echt frustriert
René_ : Was frustriert Dich denn? Ich erlebe das Gespräch als sehr konstruktiv.
Di Hia: also frustriert weil ich mich frage ob in den feministischen räumen in denen ich mich bewege auch ausschlüsse produziert werden und inwiefern ich da teil von bin.
René_ : Aha. I see. Das kann ich jetzt nicht beurteilen. Ich kann generell raten, offen zu kommunizieren, ob trans* und inter* willkommen sind.
Di Hia: ja, da werd ich in zukunft drauf achten. ach da gabs doch mal so einen tollen blogeintrag zu…über barriere freiheit. Hat den Samia geschrieben? Moment ich schaue.
René_ : Und weiterhin kann ich raten, in Gesprächen mit anderen menschen, insbesondere in den feministischen Räumen, in denen Du Dich bewegst und die Du vielleicht sogar mitgestaltest, darauf zu achten, dass trans* und inter* mitgedacht oder mitbedacht werden.
Di Hia: ist notiert
René_ : Wie findest Du unser Gespräch? Ist es rund? Hast Du noch fragen? Ich habe im Moment keine spezifischen Dinge im Kopf.
Di Hia: ich bin mir nicht sicher.
Di Hia: ich würd gern so n abschluss statement finden
René_ : Hast Du das gefühl, dass vor unserem Gespräch krasse Gegensätze zwischen unseren Positionen waren und die jetzt nicht mehr bestehen?
Di Hia: ich hab das gefühl so elementare dinge sind nich klar, aber ich glaub das kommt einfach mit weiteren gesprächen, ich kann das grad auch nicht mehr formulieren irgendwie.
René_ : Okay.

Obwohl wir gerne einen schönen, erzählerischen Bogen geschlagen hätten, enden wir unsere Unterhaltung so ungeschliffen, wie Ihr sie hier vorfindet. Eben ein aus dem Alltag entnommener Snapshot. Wir freuen uns auf Euren Input und wollen mit Euch ins Gespräch über die hier angefangenen Themen kommen. René_ hat übrigens vor, demnächst eine Reihe von Artikeln über einige seiner Gedanken und Erfahrungen zum Thema “transgender” zu veröffentlichen. Stay tuned und bis bald!