_nicht die Ursache für deine Gewalt | _mein eigenes Schlachtfeld | _mir lieb | _mein Werkzeug | _meine Spielwiese | _ _ _

“Was wollen Sie eigentlich an der Universität?”

Ja, gute Frage, das frage ich mich auch manchmal. Besonders nach einem Gespräch, wie ich es kürzlich mit der Bewerbungskommission des Graduiertenkollegs [wo 1 ihre Doktorinnenarbeit schreiben und kann, und dabei auch noch Geld in Form eines Stipendiums bekommt], bei dem ich mich beworben hatte, geführt habe. Ich war eh überascht, dass sie mich dazu eingeladen hatten, damit gerechnet hatte ich nicht. Umso “schöner” [Ironie], dass einer der interviewenden Personen (15 waren es an der Zahl: 15!!) die Paradoxie des Ganzen auch aufgefallen ist: Ich kritisiere die Uni, den Wissenschaftsbetrieb und das Was, Wie und überhaupt von Auswahlverfahren, und TROTZDEM habe ich die — Dreistigkeit, Inkonsequenz, Inkohärenz, was ist es? — mich an einer Uni für ein Stipendium für meine Doktorinnenarbeit zu bewerben. Ja, was will ich da eigentlich?

[Daria:] Don’t worry, I don’t have low self esteem. It’s a mistake. I have low esteem for everyone else.

Was hier berührt wird, ist ja eine der Grundfragen, wenn 1[1] Politik betreibt. Nach der Logik dieses Menschen (Mackers, ähem), der mich da angegriffen hat, dürfte ich ja nirgendwo mehr dran teilhaben. Ich hab nämlich eigentlich immer was zu meckern. Und ich lerne grad, das auch immer (wo’s nicht gefährlich ist/erscheint) zu äußern. I’m a feminist killjoy. Das steht sogar so in meinem Profil bei OKCupid. Damit sich nachher k1[2] beschweren kann. Muss ich mich jetzt also aus allem raushalten, aus allem zurück ziehen, nur weil ich Einiges[3] von dem Scheiß, der überall passiert, sehe und aus_an_spreche? Nö. Change from within, ist halt der eine Ansatz. Der andere wäre: Destroy everything. Ja, ich geb’s zu, ich finde den zweiten Ansatz sehrsehr verlockend. Deswegen wird mir aus dem Freundin*enkreis ja auch hin und wieder vorgeworfen, ich sei so “radikal” geworden, so “extrem”.  Aber da ich jetzt doch auch wieder nicht mit Bomben werfen möchte (obwohl ichs verstehen kann, wenn 1 das möchte), bleibt mir vielleicht doch nur der Change From Within-Part. Ich will von innen am Elfenbeinturm kratzen, bis die Mauer einbricht, verstehen Sie? Herr wie-auch-immer-er-hieß. Die Wissenschaftspraxis besteht halt (zu einem großen Teil — Ausnahmen gibt’s immer) tatsächlich immer noch darin, ÜBER Menschen zu sprechen und nicht MIT Ihnen[4]. Das geht sogar so weit, dass Wissenschaftler*innen sagen: “Ich will doch nicht mit denen reden!”. Dass qualitative Methoden eine Errungenschaft sind, und nicht etwas, das 1 nur belächeln kann, ist wohl wiederum bei diesem Typen noch nicht angekommen.

Diese ganze Arroganz, die ich in und an der Uni so hasse, ist mir da auf einen Schlag entgegen gesprungen. Und ich will da trotzdem hin, ha! Wissenschaft und Universität sind so mächtige Institutionen in dieser Gesellschaft. Und von da soll ich ausgeschlossen sein, nur weil ich denen kritisch gegenüber stehe?

Warum will ich da denn jetzt eigentlich hin?

[Trent:] Um, why do you wanna go to Art College? You’re already an artist.

[Jane:] I know, but I want to be a starving artist so I need to ring up more dept.

Das gründet sich wohl einerseits, trotz aller Kritk, trotz des längst desillusionierten Blicks, trotz der allgemeinen Enttäuschtheit, immer noch auf die (romantisierte?) Vorstellung, dass die Uni der Ort ist, an dem ich (sollte ich durch das Elfenbeintor eingelassen werden) den Raum bekomme, mich Erkenntnisprozessen zu widmen. An dem ich, wenn ich einmal diese Schwelle, an der ich immerzu stehe, überschritten habe, so frei wäre wie es eben geht in unseren Verhältnissen. Also: Nicht so richtig frei. Aber ein bisschen. Und auch das ist wahrscheinlich Illusion und Einbildung. Wunschdenken. Ich sehe ja auch, wie Menschen, die ich kenne und schätze, ihre ganze fachliche Ausrichtung ändern, weil sie sonst untergehen würden und eben kein Raum für sie da ist.

Andererseits will ich aber auch ganz klar die mächtigen_herrschenden Wissensproduktions-Strukturen nutzen, um herrschaftskritisches Wissen[5] zu produzieren, das ist mein Ziel! Und nutzen will ich sie AUCH deshalb, weil sie well-funded sind und woanders das Geld (Miete! Essen! Krankenversicherung!) eben noch weniger fließt. Einfache Rechnung, oder?

Aus einem Twitter-Gespräch mit @pflaumenfeld ergab sich für mich noch diese Perspektive:

Vielleicht projiziere ich auch zu viel in diese Berufssuche rein – und muss mich davon lösen, dass ich all meine Interessen so verbinden kann, dass sie für das neoliberale System Sinn (und damit Geld) ergeben. Ist ja auch Quatsch, eigentlich, und sehrsehr gefährlich, die eigenen Interessen an die Existenzgrundsicherung_bedingung (=Arbeit) zu heften. Andererseits, Entfremdung will 1 auch nicht, und wo genau ist da jetzt eigentlich dieses vielgepriesene “Mittelmaß”, das mir als Ideallösung so ansozialisiert wurde, aber oft auch eigentlich nur scheiße ist.

Wie macht ihr das? Wie sieht bei euch das Verhältnis Job-Freizeit-Aktivismus-Interessen aus? Was erwartet_wollt ihr von eurem Job? Oder seid ihr (wie ich in ein paar Monaten auch sein werde, wenn sich nichts ergibt) gar nicht in einer Position, euch darüber überhaupt so viele Gedanken machen zu können, weil ihr einfach nehmen müsst, was da ist? Wie geht ihr damit um?

Ich fühl mich grad verloren.

Im nächsten Leben werd ich Wal_in.

Herzlich,

eure

anna Schwelle

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[1] Die Schreibweise “1” habe ich mir bei Twitter von Bäumchen abgeguckt, und finde sie großartig, denn sie ersetzt die ansonsten immer schon gender-spezifischen Personal-Pronomen genauso wie auch die unpersönlichen Pronomen und ist dabei platzsparend und gender-offen! Ich mag es aber eben auch genau so, als Zahl geschrieben, weil so jed*er Les*erin selbst aussuchen kann, wie die “1” gendermäßig “übersetzt” werden kann_soll. zurück

[2] “k1” — versteht ihr, nech? Quasi die verneinte Form von “1” :’]
zurück


[3] Beinahe hätte ich jetzt “alles” geschrieben. Was 1. eine massive Übertreibung gewesen wäre und 2. mich fast selbst wieder in so eine selbstgerechte Gött_innen-Position versetzt hätte. Wuoah! Dabei werde ich von Menschen, die mehr oder anders sehen als ich, selbst immer wieder auf Dinge hingewiesen. Di Hia, Samia, René_ z.B.: Die machen das manchmal. zurück


[4] Eine Beobachtung, die viruletta in dem unter “Elfenbeinturm” verlinkten Post schon im November 2012 gemacht hat. viruletta hat sich auch ganz ähnliche Fragen gestellt, wie ich sie mir jetzt stelle. Lesen! :] — Im Bewerbungsgespräch hieß es dann übrigens, mein Verständnis von Wissenschaft sei “veraltet”. Nur dass ihr’s wisst: die Medienwissenschaft ist da schon viiieeel weiter, und die Sozialwissenschaft auch. Aha. Na, danke. zurück


[5] “Herrschaftskritisches Wissen” bedeutet für mich 1. jedes Wissen, das Normen angreift, unterläuft, in Frage stellt, umstößt, oder auf sie scheißt und 2. auch jede Methode zur Produktion von Wissen, die dasselbe tut. “Wissen” entsteht nämlich immer erst dann, wenn eine Behauptung, Theorie oder whatever in einer bestimmten Gesellschaft (kann auch ne Subkultur sein) Anerkennung erlangt hat. Also, klar kann ich für mich selbst irgendwas wissen. Aber so lange niemand anderes mir das als “Wissen” abkauft, kann ich damit auch nur für mich selber was anfangen (und evtl. für meine Psychohygiene_ökonomie, auch nicht zu unterschätzen) — wenn ich von “Wissen” spreche, meine ich in der Regel schon dieses anerkannte Wissen, dass eben dadurch auch eng mit Macht und Machtausübung in Verbindung steht. Dazu vielleicht bald mehr in einem anderen Blogpost. Ich finde es nämlich in Verbindung mit der Auseinandersetzung um Klassismus von vor ein paar Monaten recht überdenkenswürdig, dass der Begriff “herrschaftskritisches Wissen” gefallen ist, um die (über?)-akademisierte Sprache im Feminismus zu rechtfertigen. Macht für mich keinen Sinn. zurück


Gender-Liste, Mutvilla, Queere Hochschultage, Rassismus, Solidarität, Verantwortung, Diskurs_Macht

Edit: Wir haben uns nicht positioniert, das geht nicht klar. Wir holen es hiermit nach: Wir schreiben beide aus weißer Perspektive. Außerdem möchten wir noch transparent machen, dass René_ als Referent_in auf den Queeren Hochschultagen gesprochen hat. Wir wohnen beide nicht in Berlin und sind aus Anlass der Queeren Hochschultage hier angereist. Wir haben persönliche Beziehungen zum Orgateam der Hochschultage. Am Samstagabend (11.05.) sind wir, Nadis Aufruf folgend,  zum Südblock gekommen. 

Hier findet ihr Kritik von Ele an Inhalten und Formulierungen unseres Artikels. Wir möchten darum bitten, die mitzulesen, wenn unser Artikel gelesen wird. 

Zweiter Edit, diesmal von René_ alleine, weil Anna- gerade verhindert ist: Di Hia, unsere Mitautorin in diesem Blogprojekt (meinkoerperist), hat Anna- und mich schon vor langer Zeit auf die Notwendigkeit von Selbstpositionierung hingewiesen, wir haben uns aber nach unzureichender Reflektion dagegen entschieden und in ignoranter Konsequenz auch versäumt, uns in diesem Beitrag zu positionieren. Damit haben wir auch Di Hia weh getan und Arbeit gemacht, was sie hier erklärt. Diese Gedanken wollen wir ebenfalls als Stimme hörbar neben die unsere stellen.

Die „Geschichte“ könnte lang sein, und komplex. Wir könnten sie erzählen, indem wir lang und breit aufdröseln, wer was wann (wie?) gesagt hat. Wir könnten genau darauf eingehen, welche Personen beteiligt sind und welche Verstrickungen und älteren Geschichten eventuell noch eine Rolle spielen könnten. Wir könnten erzählen, wen wir wie kennen, wann wir wovon erfahren haben, warum jetzt jetzt was schreiben, welche Emotionen und Unsicherheiten wo und wann eine Rolle spielen und sicher noch vieles vieles vieles vieles mehr.

Aber eigentlich ist ganz einfach und schnell gesagt, was passiert ist:

Person_en* übten auf der Genderliste Kritik an rassistischen Praktiken und sah_en sich krassen sexistischen und rassistischen (quasi „wunderbar intersektionalen“) Beschimpfungen ausgesetzt; sie wandte_n sich mit der Bitte um Solidarität und Unterstützung an die Facebook-Gruppe Mutvilla und bekam_en dort aber 1. keine Unterstützung und sah_en sich 2. silencing- und derailing-Strategien gegenüber.

Uns interessiert an diesem Punkt inhaltlich schon gar nicht mehr, wie die anfängliche Kritik aussah und ob sie berechtigt war oder nicht: Wenn in einem Raum, in dem ich mich bewege und_oder moderiere ei*ne Men*schin solchen (sich auf) -ismen stützenden Beschimpfungen ausgesetzt ist, dann solidarisiere ich mich mindestens in so weit mit ihr, dass ich diese Beschimpfungen zurückweise und verurteile und die Person_en, die sie ausgesprochen haben, mindestens verwarne. Das ist nicht passiert. Offenbar fühlt sich auf der Genderliste keine Person für die Moderation verantwortlich. Und Mutvilla „existiert seit ein paar Monaten nicht mehr als Gruppe“.

Genderliste, Mutvilla: virtuelle Räume, die eine_r die Möglichkeit, sich aus der Verantwortung zu ziehen, geradezu auf dem Silbertablett präsentieren. Und hier kommt jetzt der Bogen zu den Queeren Hochschultagen (QHT): Die Organisat*orinnen, die sowohl auf der Genderliste als auch bei Mutvilla aktiv sind, bzw. bei Mutvilla auch zu den Administrator*innen gehören, haben sich durch die erfolgreiche Organisation und Durchführung der QHT-Veranstaltungen als mit einer gewissen Diskursmacht innerhalb der queeren Szene Berlins ausgestattet erwiesen. Mit Diskurs_Macht kommt Verantwortung. Dennoch ziehen es die Organisat*orinnen bis jetzt noch immer vor, sich nicht explizit zu positionieren – die Nicht-Positionierung geht sogar so weit, dass die Abschlussparty der QHT, an der sich einige Vorschläge_Forderungen für die Art und Weise einer möglichen Positionierung (in Form von Thematisierung der rassistischen Strukturen und weißen Vorherrschaft in der Szene) festgemacht haben, (einfach?) abgesagt wurde. Mit der Begründung: „die gestellten Forderungen können nicht erfüllt werden“ und dass „aufgrund des massiven Veranstaltungsprogramms eine angemessene Auseinandersetzung mit den auf der genderliste und der Mutvillafacebookseite stattgefundenen Verletzungen bisher nicht geleistet werden kann

Die Party findet also nicht mehr statt und die Positionierung wird verschoben.

Nur ist eine Nicht-Positionierung in einer diskriminatorischen Situation (wie wir doch eigentlich alle wissen) eine Positionierung, die die diskriminatorische Norm_Praxis_Wirkung unter_stützt.

Uns geht es darum, festzustellen, dass all die Nebenschauplätze, die Kleinkriege, die Hackordnungsstrategien und Vorwürfe an einzelne Personen irrelevant sind für eine Einschätzung der Gesamtsituation.

Die einzelnen Äußerungen, wer sie wann und wo getätigt hat und die inhaltliche und formal-strukturelle Auseinandersetzung mit diesen ist natürlich nicht an sich irrelevant. Sie sind im Gegenteil sehr relevant, wenn es um einen Dia(poly)log zwischen den beteiligten Positionen geht. Das ist allerdings ein zweiter Schritt der nach unserer persönlichen Einschätzung erst nach einem ersten Schritt gemacht werden kann, auf den wir hier hinaus wollen:

Als in diesem Moment mit Diskurs_Macht ausgestattete Menschen, habt ihr, liebe Orga der QHT, hier gerade eine Chance (gehabt?), um ein Zeichen zu setzen für intersektionale Solidarität innerhalb der queeren Szene. Ihr hättet die Chance gehabt, mal über den Tellerrand der eigenen Verletzungen und individuellen Angreifbarkeit und Verteidigungshaltung hinaus zu schauen, um ein strukturelles Problem, dass sich gerade zu diesem spezifischen Zeitpunkt in euren (virtuellen und realen) Kreisen mit hässlicher Fratze manifestiert hat, anzupacken und Verantwortung dafür zu übernehmen, dieses Problem gemeinsam und solidarisch anzugehen.

Neben den auf dem Panel “Rassismus im Berliner queeren Netz” erarbeiteten Forderungen standen auch genug Vorschläge im Raum, wie das umsetzbar gewesen wäre. Aber anstatt anzuerkennen, dass in eurer Szene rassistische Scheiße passiert ist; anstatt anzuerkennen, dass ihr mit eurer (mindestens momentanen) Diskursmacht innerhalb dieser Szene auch eine (überindividuelle!) Verantwortung tragt; anstatt dies als Chance zu nutzen, um ein Zeichen zu setzen; anstatt dies auch als Chance zu nehmen, um bestimmte Themen einfach mal zu diskutieren – ziehen sich gerade alle aus der Verantwortung.

Das ist enttäuschend. Und da muss sich jetzt wirklich mal was bewegen.

Momentan scheinen sich da zwei Fronten zu verhärten, und so Vieles scheint sich aus unserer nicht-Berliner_innen-Sicht auch an den konkreten Personen sowohl der Initiatorin_nen der Kritik als auch der Organisat_orinnen der QHT fest zu machen. Das ist natürlich wenig fruchtbar, und das ist es auch genau, was ich meine, wenn ich davon spreche, dass mich Nebenschauplätze und Hackordnungsstrategien nicht interessieren. Solidarität gegen -istische Beschimpfungen verdient jed*e, das muss anerkannt werden. Erstens.

Und Zweitens: Hier stehen jetzt zwei Themen im Raum, die wir auch nicht hinten überfallen lassen möchten. Die zu Beginn von allem geübte Kritik richtete sich 1. gegen ein rein weißes Buchprojekt über Roma, dessen Call for Papers mit der rassistischen Fremdbezeichnung für Roma arbeitete; und sie richtete sich 2. gegen einige vor allem in der linken Szene verbreitete Modeerscheinungen, wie das Tragen von Dreadlocks, Earplugs und Mohawks, also gegen Cultural Appropriation (Klarstellung: Es handelt sich hier natürlich nur um Modeerscheinungen und Cultural Appropriation, wenn weiße Menschen sowas tragen).

Eine Beschäftigung mit diesen oder auch ähnlichen Themen, mit rassistischen Strukturen und weißer Vorherrschaft innerhalb der queeren und_oder linken Szene muss sich doch nicht an den konkreten Personen festmachen, die jetzt gerade im Vordergrund stehen. Es gibt doch in Berlin sicherlich vielevieleviele PoCs und auch Weiße, die sich immer wieder und eingehend und kritisch und aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Umgangsweisen mit solchen Themen beschäftigen. Warum bringen die sich nicht ins Spiel // werden die nicht angesprochen ?

Wir würden uns zwei Dinge wünschen: (1) dass die Organisat*orinnen der QHT aus ihrer Handlungsstarre aufwachen, sich für ihre mangelnde Solidarisierung und Positionierung entschuldigen und in Aktion treten; (2) dass sich die Debatte entpersonalisiert, so dass die Auseinandersetzung mit Themen wieder (mehr) in den Vordergrund rückt und dass wichtige Akteurin_nen der queeren Szene (zB die Organisat_orinnen der QHT oder auch des tCSD) eine öffentliche Auseinandersetzung mit diesen angestoßenen Themen an_be_treiben.

Das hier ist eine Chance: Nutzt sie.

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*Da wir die Diskussionen inhaltlich von den im Fokus stehenden Personen lösen wollen, haben wir im Artikel keine Namen genannt. Allerdings wollen wir Nadezda Krasniqi aka Nadi und ihre schwere und unermüdliche Arbeit in diesem Zusammenhang auch nicht unerwähnt lassen (danke auch für den Hinweis darauf, wie auch das wieder rassistische, weiß-dominierte Strukturen re_produziert hätte!) Sie ist seit mittlerweile 6 Wochen in dieser Sache aktiv und meldet sich trotz viel Gegenwind und Anfeindungen unermüdlich immer wieder zu Wort, um gegen diese starre, stumme, anonyme und teilweise feindselige Wand anzureden, was viel Kraft und Energie kostet.

 Eure

Anna Schwelle

und

René_ La Magnifique D.S.


Who holds the key? Gedanken über ausschließen, einschließen und zusammenschließen

Aufgrund Eurer positiven Rückkmeldungen auf die Diskussion zwischen Anna Schwelle und Di Hia ist das Format des folgenden Postings wieder ein Gespräch, diesmal mit Di Hia und René_. Es handelt sich hierbei um eine Momentaufnahme von einer Begegnung zweier unterschiedlicher Welten, die aufeinander neugierig sind und sich gegenseitig verstehen wollen. Wir haben viele Dinge angesprochen und nichts zu Ende gedacht, aber ins Rollen gebracht. Wir freuen uns auf Euer Feedback und nehmen es als Anlass, uns weiter mit den angesprochenen Themen auseinander zu setzen. Viel Freude beim Lesen!

Di Hia: und ich frag mich ob ich noch schokolade habe
René_: ganz wichtig, hab ich mir auch grad welche reingezogen
Di Hia: ich habe smarties gefunden
Di Hia: René_, so möchtest du doch, dass ich dich anrede, oder? also in den letzten monaten hatten wir wenig austauschmöglichkeiten. es gibt da aber so einige themen, über die wir unsere perspektiven austauschen wollten. vielleicht magst du kurz den kontext beschreiben, in dem wir uns kennen gelernt haben?
René_: Richtig, Di Hia, ich möchte gerne mit René_ angesprochen werden, am besten in der französischen Aussprache 🙂 Wir haben uns über eine gemeinsame Freundin in einem italienischen Restaurant in meiner Heimatstadt kennen gelernt und gleich Reibungen und Sympathien verspürt. Aber intensiver in den Austausch sind wir auf einer gemeinsamen Reise getreten, mit unserer Band The LGBTQIs nach Köln zu unserem zweiten ever Auftritt und Du warst als 1a-Groupie mit dabei und hast uns supportet! Während der Fahrt haben wir viel diskutiert und gemeinsam Jazztexte gequeert.
Di Hia: Oh ja, der Audre Song! Da sollten wir noch mal ein Video zu machen, oder? Ich erinner mich noch gut daran, wie ich genörgelt habe wegen irgendwas und du sagtest, ich soll nicht so bitchy sein. Weiß du noch? Ich konnte und kann das immer noch nicht haben, dieses wort.
René_: Ja, das weiß ich noch sehr genau. Ich habe mir angemaßt, mich selbst mit einem Wort zu bezeichnen, das oft essenzialisierend gegen Frauen gewendet wird und mich dabei gleichzeitig mit in dieses Subjekt “Frau” gegeben. Ich kann und konnte auch damals verstehen und akzeptieren, dass Du dieses Wort nicht haben kannst. Für mich signalisiert es einerseits diese essenzialisierende und abwertende Praxis, welche die bezeichnetete Person als nicht ernst zu nehmend markieren soll, und ich verwendete es damals in einer Attitüde, die ein selbstbewusstes oder freches Ich-darf-mich-so-verhalten-wie-andere-es-bitchy-nennen-und-stolz-darauf-sein. Damit wende ich mich gegen diese Abwertung, indem ich mich stolz selbst abwerte.
Di Hia: Hm ja. Das hab ich bis jetzt noch nicht ganz verstanden. Für mich war das damals vor allem: René (damals noch ohne Unterstrich) ist ein Mann und ein Mann darf mich so nicht nennen. das war wirklich schlimm für mich. Also wenn das von einer Frau gekommen wäre, hätte ich ne andere Diskussionsbasis gehabt. Aber das war damals echt…puh.
René_: Entschuldigung, ich erinnere das falsch. Es stimmt, ich habe Dich erst mit dem Wort bezeichnet und dann darauf hingewiesen, dass ich mich genauso freimütig damit bezeichne. Und damit darauf aufmerksam gemacht, dass ich Dich und mich in derselben Gemeinschaft sehe, die diesem stigmatisierenden Gebrauch ausgesetzt ist. Wenn es nicht dieselbe Gemeinschaft ist (sage ich aus der heutigen Perspektive), dann zumindest zwei einander nahe stehenden Gemeinschaften, die von einer stärkeren Gruppe stigmatisiert werden.
Anscheinend hat meine Innenperspektive schon damals nicht mit Deiner Wahrnehmung von mir “als Mann” übereingestimmt. Ich gestehe Dir natürlich zu, mich so wahrzunehmen, insbesondere, wenn meine Kleidung darauf hinweist.
Di Hia: Ja, cool da bewegen wir uns schon in Richtung Explosionsthema: Sind wir ähnlich stigmatisiert oder gibt es in unseren Lebensrealitäten, Stigmata die sich überschneiden? Hast du Lust das wir da gemeinsam drüber nachdenken?
René_: Ja, ich habe Lust gemeinsam mit Dir darüber nachzudenken. Hier ein erster Antwortversuch von mir:
Ich würde sagen, wir leben in derselben Gesellschaft, die von Mechanismen der Unterdrückung geprägt ist, die sich auf unterschiedlichen Achsen auswirken, aber von ähnlichen, verbundenen Quellen ausgehen. Dies würde ich ein heterosexistisches, misogynes, homo- und transphobes, cisgenderisches, rassistisches, arrogantes, maskulinistisches, ableistisches, lookistisches, hegemoniales, kapitalistisches und klassistisches Patriarchat nennen. Das arbeitet mit Abwertungen und Stigmatisierungen, die sich auf Dich und mich verheerend, aber im Detail unterschiedlich auswirken. Ich empfinde demungeachtet jedoch eine Solidarität sowohl auf individueller Ebene von mir, René_, zu Dir, Di Hia, und von mir als “insert my identity tags here” zu Dir als “insert your identity tags here”.
Di Hia: Jein. Ich spüre immer ein mulmiges Gefühl, wenn die individuellen identity tags mehr platz bekommen als wie die gesellschaft mich liest. also dass das so ist hat sicherlich stark mit dem kontext in dem ich sozialisiert bin zu tun und ich bin auch gerne bereit bzw. sehe die notwendigkeit dies ggf. in frage zu stellen. aber: also ich werde als frau gelesen und als frau behandelt. da kann ich mir noch soviel andere tags geben. was bleibt: ich bin bestimmten gefahren ausgesetzt, habe berufliche einschränkungen etc. auf grund dieses frau seins. und das seit 27 jahren und eben auch für noch ne weile. also, hilf mir noch mal, wie meinst du könnten sich unsere erfahrungen was das angeht gleichen? also für mich und das tut mir leid, wenn ich dir damit individuell unrecht tue, aber für mich wirst du als mann gelesen und hast männliche privilegien. ich verschöner das jetzt nicht extra, damit wir in eine dikussion kommen. ich hoffe ich krieg die gradwanderung zu gunsten des blogeintrags hin!
René_: kein problem! find ehrlichkeit ja gut!
Di Hia: also auch wenn ich jetzt provokant bin, ist das nur zwecks blogeintrag und klarheit für die leseR_innenschaft ok?
René_: was meinst Du damit, wenn Du sagst, “wenn die individuellen identity tags mehr platz bekommen als wie die gesellschaft mich liest”? Mehr platz bekommen worin in dem, was ich gesagt habe?
ja, ok, von mir aus geht diese art von überspitzen grad noch
Di Hia: nein, also wenn -überspitzt gesagt- wir jetzt alle uns selbst taggen, verschwimmt ja das eigentliche problem. also ich kann mir noch so oft sagen, dass ich z.b so frau sein als konstrukt kritisiere und mich selbst liebe so und so labeln will – aber das würde nichts an den gefahren, denen ich als frau ausgesetzt bin ändern. also, interpretier ich das jetzt bei dir richtig, dass du dich nicht als mann bezeichnen würdest?
René_: ich glaube, zu verstehen, was Du sagst. ich würde mich wie folgt beschreiben: Ich identifiziere mich nicht mit der Identität “Mann”, ich will kein “Mann” sein und ich lehne “Männlichkeit” sogar für mich als Identitätsangebot/zwang ab. Das ist eine Innensicht, eine Aussage über mein Fühlen und Wollen/Nicht-wollen. Zusätzlich kann ich Dir biografisch erzählen, dass ich bei meiner Geburt als Mann bzw. männlich gelabelt wurde, dies sich in allen staatlichen und Familiensystemen fortgeschrieben hat und ich den übergrößten Anteil der Lebenszeit, die ich verbracht habe, als Mann gelesen wurde, und männliche Privilegien genossen habe. Darüberhinaus habe ich auch noch weitere Privilegien “genossen”, wie Weißsein, einen akademischen Habitus haben, ein bürgerliches Elternhaus haben, über keine bis wenige materiellen Sorgen zu verfügen.
René_: Wenn ich mich nicht als Mann selbst bezeichen will, heißt das nicht, dass ich abstreiten will, mit männlichen Privilegien ausgestattet zu sein
René_: Das ist eine Innensicht, eine Aussage über mein Fühlen und Wollen/Nicht-wollen.”
Di Hia: Ah okay. Danke, diese Klarheit habe ich gebraucht!
Di Hia: okay. glaubst du diese analogie würde gehen:
Di Hia: “Ich identifiziere mich nicht mit der Identität “weiß”, ich will kein “Weißer” sein und ich lehne “Weiß sein ” sogar für mich als Identitätsangebot/zwang ab.
René_: ja, das ginge, ich glaube, das ginge mit vielen Aussagen über Identitäten, die von anderen gegeben werden. das heißt nicht, dass man nicht in gesellschaftliche Kategorien eingeteilt werden kann, die diesen Identitätslabeln entsprechen. Gesellschaftliche, machtvolle Kategorisierungen kann ich in einem inneren Prozess bearbeiten, ablehnen, transformieren etc., aber nicht in ihren machtvollen, realen Auswirkungen ignorieren.
Ich nehme an, dass männlich wahrgenommene Menschen in dieser maskulinistischen, misogynen, patriarchalen Gesellschaft über mehr Macht in Beziehungen und in Institutionen verfügen.
Macht das für Dich Sinn? Ist das verständlich beschrieben?
Di Hia: hm. was wäre denn jetzt wenn eine weiße person sagt: “ey ich bin eigentlich schwarz. nee, ganz im ernst, im herzen bin ich schwarz” hm….also da wird mir persönlich ja ziemlich komisch bei. ich weiß nicht ob das als analogie genommen werden kann, wie gesagt. ja, und dass als mann gelesene menschen in unserer gesellschaft einfach mal ne ganz andere lebensrealität als als frau gelesenen menschen haben, also darüber brauchen wir glaub ich nicht sprechen. aber das ding ist doch, dass du eben immer wieder von diesem männlichen privileg profitierst und profitieren kannst. also auch wenn du das label eigentlich für dich ablehnst. wie kommen wir also von diesen gesellschaftlichen lebensrealitäten zu einem gemeinsamen battlefield?
René_: Keine Ahnung, was diese weiße Person, die im Herzen schwarz ist, noch alles damit ausdrücken will. Ich finde zum Beispiel nicht, dass sie damit gleichzeitig folgendes verbinden darf: 1. “Ich bin in meinem Handeln nicht rassistisch, weil ich fühl mich ja schwarz.” 2. “Ich werde hier rassistischerweise als schwarze Person diskriminiert” (das macht für mich gar keinen Sinn, sie wird ja nicht als schwarze Person wahrgenommen/gelesen). 3. “Ich kann persönlich wissen, wie es ist, als schwarze Person diskriminiert zu werden und darüber Aussagen machen, wie sich das anfühlt, denn ich fühle mich ja schwarz.”
Di Hia: Sorry, aber also wer als weiße person wirklich meint, sie_er ist im herzen Schwarz hat jawohl den Schuss nicht gehört. Wenn Schwarz Sein eine politische Selbstbezeichnung ist, die von Menschen gewählt wurde, die einen gemeinsamen Erfahrungshorizont und gemeinsame stigmata haben, also sorry, aber da kann dann kein weißer mensch daher kommen und das für sich auch reklamieren.
René_: Ich glaube, ein wesentlicher Punkt, um den es uns beiden geht, ist das “Reklamieren”. Ich vermute, dass bei Dir gerade ganz viel Kontext noch mitschwingt, wenn Du diese Aussage (“ich fühle mich im Herzen schwarz”) diskutierst, und zwar in der Hinsicht, dass diese Person in Deiner vorstellung/Erfahrung/konstruiertem Beispiel etwas für sich reklamiert. Ich wüsste gerne, was das sein könnte. Für mich steht diese Aussage erstmal isoliert da als Selbstbezeichnung und ich verbinde damit noch keine Claims.
Di Hia: Eine weiße Person kann sich nicht als Schwarz selbstbezeichnen. Nein, also damit bin ich nicht einverstanden. Sie kann weiß sein und von anderen -ism betroffen sein, ja, aber sie ist nicht Schwarz, weder im herzen noch sonst wo.
René_: Okay, da würde ich jetzt gerne eine sein/sollen-Unterscheidung einführen.
Di Hia: okay passt
René_: Du hast ja oben eine Analogie gebracht und das Beispiel von dieser fiktiven weißen Person genannt, die sich als “im Herzen schwarz” bezeichnet. Das nehme ich jetzt als (fiktives) Sein erstmal als Teil einer Realität an, als Teil etwas, das mir in der Zelt begegnen kann.
Und was Du jetzt zuletzt sagst (und auch vorher, wenn du vom nicht gehörten Schuss sprichst), dann machst Du eine normative Aussage, dass diese Person das aufgrund Deiner Vorstellungen/Werte etc. nicht darf. (Was ich hiermit nicht angreifen oder noch nicht inhaltlich kommentieren, sondern konzeptuell unterscheiden will.) Macht diese unterscheidung für Dich Sinn?
Di Hia: also, eine weiße person, die mir als woman of color sagt, dass sie im herzen schwarz sei (was soll das denn überhaupt sein ey) , also ja, da würd ich sehr klar sagen, dass das nicht klar geht.
René_: Okay, ich verstehe, dass Du das normativ ablehnst. Ich hatte ja vorhin noch die mit dieser Selbstaussage verbundene Frage nach Claims: Was könnte denn so eine Person reklamieren, was Du ablehnst?
Di Hia: Selbstbezeichnungen sind ja in Diskussionen um Rassismus immer sehr wichtig. Wenn ich mich als Woman of Color tagge, dann bedeutet das, dass ich eben über einen ähnlichen Erfahrungsrucksack verfüge wie andere WoC auch. Diese Erfahrungen grenzen sich von den Erfahrungen, die weiße Frauen machen ab. Es mag Überschneidungen geben aber eben auch abgrenzungen. Wenn da jetzt eine weiß Frau zu mir sagt, ich weiß wie du dich fühlst, obwohl eine geschilderte situation eben ganz klar nur passieren konnte weil ich eben nicht-weiß bin, ja dann regt mich das ziemlich auf und verletzt mich vor allem.
jetzt ist das natürlich was geschlechts_identitäten angeht noch mal ne andere sache. wenn ich jetzt zu dir sage : rené_ du bist ein mann und von daher ist es für mich klar, dass du in beistimmten themen eben nicht mit reden darfst etc. dann wird das für uns dann problematisch, wenn du für dich dieses mann sein so gar nicht fühlst und wohlmöglich von anderen männern auch kommuniziert bekommst: du bist kein “echter” mann.
(wenn eine person von anderen weißen personen kommuniziert bekommt: du bist nicht weiß, ist sie warscheinlich eine PoC, oder? Also ich bin unsicher mit diesen Analogien aber finde das doch ganz hilfreich so um n bisschen zu strukturieren)
René_: (ich denke auch.)
Mit der Selbst(nicht)bezeichnung “ich fühle mich nicht als Mann, lehne es ab, ein Mann sein zu müssen, will kein Mann sein” ist ja noch kein Claim expliziert.
An dieser stelle der Unterhaltung sehe ich jetzt verschiedene Wege fortzufahren: 1. Ich würde gerne jetzt folgende Aussage von Dir kommentieren: “aber das ding ist doch, dass du eben immer wieder von diesem männlichen privileg profitierst und profitieren kannst. also auch wenn du das label eigentlich für dich ablehnst.”
Di Hia: ich nehm tor 3!
René_: 2. Wir könnten jetzt analytisch weiter diskutieren (und vllt zwischenresümieren), in wiefern diese Analogie “Selbstbezeichnung ich bin im Herzen schwarz” ist gleich analog zu “Selbstbezeichnung ich bin im Herzen eine Frau” funktioniert oder nicht funktioniert.
3. Wir könnten über spezifische Themen und Situationen sprechen, die Du und/oder ich für problematisch halten, in denen menschen, die sich als Frau selbst bezeichnen, aber denen bei ihrer Geburt das Geschlecht “männlich” zugeordnet wurde, von Themen/Unterhaltungen/Situationen ausgeschlossen werden, die von Menschen geführt werden, die sich als Frauen selbst bezeichnen und dies kongruent ist mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde. (Ende meiner Aufzählung *g* nen Zonk hab ich nicht eingebaut)
Di Hia: würde mich sehr interessieren wie du deinen alltag erlebst, da du ja für dich ja eben die kategorien nicht so magst und ich glaube auch schon eine selbstbezeichunung für dich hast, mit der du zufrieden bist. da würd ich gerne mehr drüber wissen.
René_: Das wär dann Punkt 4. Ich könnte das ja mit Punkt 1 verbinden.
Di Hia: ich hab schon relativ viel raum in unserem blog bekommen, ich würde mich gerne über dich unterhalten und dir die möglichkeit einer plattform geben, was meinst du? ich glaub du hast viel zu erzählen.
René_ : Da ich weiß, dass ich danach eine Artikelserie schreiben will, mach ich mir da grad keine Sorgen drüber. Ich finds spannend, mit Dir über Deine Gedanken/Kritiken etc. zu sprechen und gemeinsam zu durchdenken, fand ich bis jetzt sehr fruchtbar.
Di Hia: für heute abend würde ich tor 3 nehmen glaub ich.
René_ : Also 3. Wir könnten über spezifische themen und situationen sprechen, die Du und/oder ich für problematisch halten, in denen Menschen, die sich als Frau selbst bezeichnen aber denen bei ihrer Geburt das Geschlecht “männlich” zugeordnet wurde, von Themen/Unterhaltungen/Situationen ausgeschlossen werden, die von Menschen geführt werden, die sich als Frauen selbst bezeichnen und dies kongruent ist mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde.
Di Hia: Da hätt ich schon die erste anmerkung: “die sich als frauen selbst bezeichnen” also äh gehts hier nicht doch eher eben über den erfahrungswert den diese personen haben und der als konseuqenz wohl die feststellung “oh ich bin wohl ne frau” hat?
René_ : Ich habe bereits beim vorherigen Thema festgestellt, dass Du Wert auf die Unterscheidung zwischen Selbstbezeichnung einer Identität und von der Gesellschaft gegebene/gelesene/immer wieder hergestellte Identitätskategorie legst. Diese Unterscheidung halte ich auch für erkenntnisbringend und sinnvoll.
Meine ganze Formulierung im zweiten Fall war ja “die von Menschen geführt werden, die sich als Frauen selbst bezeichnen und dies kongruent ist mit dem Geschlecht, das ihnen bei der Geburt zugeordnet wurde.” Damit verknüpfe ich jetzt auch (ohne das noch mit hinzugefügt und offen gelegt zu haben) eine Sozialisation seit der Geburt in diesem weiblichen Geschlecht. Damit verbunden ist auch die Erfahrung, von anderen immer wieder als Frau behandelt und zur Frau gemacht zu werden.
Di Hia: Ich persönlich bin großer fan von women only räumen. dass dies evtl. ausschlüsse produziert war mir bis vor kurzem nicht ganz bewusst. lese da grad erst zu….
René_ : Der problematische Punkt ist, was meinst Du, was meinen die beteiligten Personen, welche Menschen in der “women only”-Definition enthalten sind? Hier würde ich das Präfix cis einführen. Frauen, die seit ihrer Geburt als Frauen leben/behandelt werden/aufwachsen/sich fühlen und den dazu gehörigen Körper haben, kann Mensch als Cisfrauen bezeichnen. Mir scheint, dass in bestimmten “women only”-Räumen Menschen, die bei ihrer Geburt als Mann etikettiert und seitdem so erzogen und behandelt wurden, einen mehr oder weniger eindeutig männlichen Körper haben und aber seit einer längeren Periode versuchen, als Frau zu leben, ihren Namen, ihre Kleidung und vielleicht sogar ihren Körper dementsprechend verändert haben, ausgeschlossen werden. Also Cisfrauen ja, Transfrauen nein.
Di Hia: ja. ich glaub das ist auch oft so. also wenn cisfrauen über ihre gewalterfahrungen etc. berichten, dann verändert sich die art und weiser der beschreibung und der gruppendynamik vielleicht, wenn eine transfrau im raum ist? könnte das sein?
René_ : Sicherlich wird das einen Einfluss auf die Situation haben, ob eine Transfrau anwesend ist oder nicht, insbesondere wenn sie als solche gelesen wird. Eine Transfrau, die als Cisfrau “passed” (also den Geschlechtstest, den unsere Wahrnehmung ihnen auferlegt, als Cisfrauen bestehen), würde wohl einen derartigen Einfluss nicht ausüben (wohl aber einen anderen, wie jede anwesende Frau die Situation beeinflussen würde).
René_ : Es ist ja durchaus denkbar, dass eine Transfrau an einer Gesprächsrunde für “Frauen, die in einer Beziehung zu einem männlichen Partner Gewalterfahrungen gemacht haben” (als Beispiel) Interesse hat, teilzunehmen, weil sie sich davon angesprochen fühlt.
Die Frage ist jetzt, ist der “women-only”-Raum offen für sie, wie wird mit ihr umgegangen? soll sie ausgeschlossen werden, weil sie vor ihrer Transition vom männlichen fremdzugewiesenen zum weiblichen selbstgewählten Geschlecht als Mann gelebt hat, ein männliches Privileg hatte? Soll sie ausgeschlossen werden, weil ihre Transartigkeit, ihre nicht herkömmlich präsentierte Weiblichkeit als bedrohlich für diesen geschützten Raum empfunden wird?
Di Hia: tja. da hab ich ehrlich gesagt keine antwort drauf. ich glaub das müssen wir differenzieren. also nehmen wir mal ein fiktives seminar zum thema x: hm also schau mal hier. bei der femoco da sind trans* und inter* menschen willkommen. das finde ich als cisfrau klasse und gut und hoffe 1. ich kann dabei sein und bin 2. total gespannt auf den ganzen unterschiedlichen input und die energie, die wir da zusammen tragen werden.
René_ : das sieht total super aus und ich befürworte ein solches vorgehen total!
Di Hia: ja aber z.b da hat ne weiß person nichts zu suchen.
René_ : Ja, und das halte ich auch nicht für problematisch.
Di Hia: ok
René_ : Lass uns einen weiteren Fall ansprechen, wenn Du damit einverstanden bist. Wir haben nun den Fall von Cisfrauen und Transfrauen diskutiert. Das sind relativ klare, stabilisierte Kategorien. Es gibt ja auch Menschen, die sich noch in einer Transition von Geburtsgeschlecht zu gewünschtem Geschlecht befinden, die sich vielleicht noch nicht haben operieren lassen (können), oder dies nicht wollen, die bisher Hormone nehmen, aber keine OP wollen. Solche Menschen könnten sich als transsexuell verstehen, aber man könnte auch den Begriff transgender anwenden.
Transgender ist ein weniger stabiler begriff, er ist fluide.
Di Hia: oh ich brauch immer stabilität, fluid kram macht mich unsicher. hilf mir auf die sprünge und definier das noch mal eben für mich ok? also menschen, die zwischen dem einen und dem anderen gender hmm…”schweben”?
René_ : In der definition von Leslie Feinberg, die sich durchgesetzt hat, wird transgender als ein Überbegriff, ein sogenannter umbrella term (oder franzisiert terme-parapluie) verstanden, der eine Vielfalt von Identitäten bezeichnet, die sich nicht in der binären Geschlechterdifferenz verorten wollen.
Di Hia: okay, danke. die erklärung hilf mir. lass uns versuchen nicht zu sehr “fachsprache” zu nutzen, damit alle leser_innen mitkommen.
René_ : Da gibt es eine große Menge an unterschiedlichen Identitäten, ich zähle mal einige zur Illustration auf: genderbender, genderblender, gender outlaw, androgyn, drag queen, drag king, crossdresser, genderqueer, bi-gendered, third-gender, und der begrifflich/kozeptuell etwas stabilere Bereich von Transsexuellen, ob pre-/post-/non-OP, Transmann/Transfrau, ftm (=female-to-male) und mtf (male-to-female). Die Fälle von Menschen, die sich als transgender oder die anderen genannten Identitäten verstehen und sich aber nicht eindeutig als transsexuell etikettieren, nicht alles mögliche unternehmen, um klar in einem fixen Zielgeschlecht anzukommen, diese Fälle könnten problematisch in unserem Gedankenbeispiel eines Workshops für women-only werden. Was machen wir/die Gesellschaft/die women-only-Gruppe mit einer Person, die unklar in ihrer geschlechtlichen Selbstpräsentation zu lesen ist und um Teilnahme an einer derartigen Gesprächsrunde bittet?
Weil diese Frage wichtig ist, finde ich das von Dir genannte Beispiel der femoco2013 gut, da die Organisator*innen von vorneherein kommunizieren, dass sie 1. über diese Frage nachgedacht haben und 2. eine klare Antwort geben, nämlich in diesem Fall, Zitat: “Wir, das sind alle Frauen, Trans* und Inter*, die sich als Schwarze, of Color, als jüdisch, im Exil lebend, als Sinti und Roma oder als Migrant_in verstehen.”
Di Hia: also.
da fällt mir folgendes ein:
also, eine person bittet eben an teilnahme an dem seminar xy, das eigentlich nur für cis frauen ist. bzw es ist nicht ganz klar. da wäre ja ein dialog dafür wichtig, dass eben die veranstalter_innen klar kommunizieren weshalb jetzt der zugang nur für cisfrauen ist und das die anfragende person eben erklärt, weshalb sie sich angesprochen fühlt und an dem seminar teilnehmen mag etc. oder?
René_ : Genau. Eine Patentlösung habe ich da nicht, aber ein einfühlsames Gespräch zwischen Veranstalter*innen und transgender-Teilnehmer*in halte ich für notwendig.
Di Hia: da müssen dann beide seiten abwägen: die veranstalter_innen müssen sich bewusst machen, was eine zu- oder basage für die gruppe und die perosn bedeuten könnte und vor allem für den inhalt und die dynamik des seminars. und die anfragende person muss für sich klar haben, zu welchen bedingungen ihr die teilnahm nun wichtig ist. ob es sonst evtl. auch alternativen gibt. vielleicht kann ja dann in zukunft eben mehr auf die berdürfnisse von transgender personen eingegangen werden.
also, sag mal wie ist das denn eigentlich? ich bin da überhaupt nicht drin. dafür lebe ich einfach schon zu lange in einem ausländischen kontext, der das wenig als thema hat
René_ : Was ich wichtig finde, ist das “wir”, also alle Menschen, die sich als Teil einer feministischen Bewegung verstehen, gemeinsam daran arbeiten, diese Bewegung nicht trans*- und inter*Menschen ausschließend zu gestalten. Meine mittelfristige Utopie ist ein inklusiver Feminismus.
Ja, ich bin da auch keine große Autorität. Ich habe im letzten halben jahr in Paris gelebt und dort oft genug Situationen erlebt, die unklar waren, oder sogar viele Situationen, in denen explizit nur Cisfrauen zugelassen waren. Dort habe ich in der feministischen Bewegung also viele Orte erlebt, die diesbezüglich keine klaren Ansagen gemacht haben und auch anscheinend nicht darüber reflektiert hatten. Oder sich bewusst in einer transphoben Manier trans*Menschen ausschließend gegeben hatten.
Di Hia: Nadine Lantzsch hat doch jetzt das Buch Queer_Feminismus rausgebracht. Hast du das?
René_ : Ne, das hab ich nicht, aber hätte ich gerne 🙂
Di Hia: Oh dann schicken wir mal liebe grüße zu Nadine, vielelicht kriegen wir ein Exemplar zur Rezension?
René_ : Gerne.
Di Hia: also ich glaub ich hab da zu allem zu wenig antworten drauf. das frustriert mich grad ein bisschen. womit hängt das zusammen? glaubst du das ist meine eigene heteronormative sozialisation?
René_ : Heteronormativ finde ich das jetzt nicht. Um die sexuellen Orientierungen der Menschen geht es ja bisher nicht. Vielleicht suchst Du das Wort cisgenderisch? Oder transphob? Aber damit möchte ich Dich gar nicht bezeichnen, denn Du bist sehr offen und einfühlsam und fragst nach und hörst zu.
Di Hia: ich bin in deutschland aufgewachsen, ich vermute mal ich hab mit dem ganzen sozialisationspaket auch ne portion transphobie mit abbekommen….die ich versuche zu verstehen und zu dekonstruieren. grmpf. ich bin grad echt frustriert
René_ : Was frustriert Dich denn? Ich erlebe das Gespräch als sehr konstruktiv.
Di Hia: also frustriert weil ich mich frage ob in den feministischen räumen in denen ich mich bewege auch ausschlüsse produziert werden und inwiefern ich da teil von bin.
René_ : Aha. I see. Das kann ich jetzt nicht beurteilen. Ich kann generell raten, offen zu kommunizieren, ob trans* und inter* willkommen sind.
Di Hia: ja, da werd ich in zukunft drauf achten. ach da gabs doch mal so einen tollen blogeintrag zu…über barriere freiheit. Hat den Samia geschrieben? Moment ich schaue.
René_ : Und weiterhin kann ich raten, in Gesprächen mit anderen menschen, insbesondere in den feministischen Räumen, in denen Du Dich bewegst und die Du vielleicht sogar mitgestaltest, darauf zu achten, dass trans* und inter* mitgedacht oder mitbedacht werden.
Di Hia: ist notiert
René_ : Wie findest Du unser Gespräch? Ist es rund? Hast Du noch fragen? Ich habe im Moment keine spezifischen Dinge im Kopf.
Di Hia: ich bin mir nicht sicher.
Di Hia: ich würd gern so n abschluss statement finden
René_ : Hast Du das gefühl, dass vor unserem Gespräch krasse Gegensätze zwischen unseren Positionen waren und die jetzt nicht mehr bestehen?
Di Hia: ich hab das gefühl so elementare dinge sind nich klar, aber ich glaub das kommt einfach mit weiteren gesprächen, ich kann das grad auch nicht mehr formulieren irgendwie.
René_ : Okay.

Obwohl wir gerne einen schönen, erzählerischen Bogen geschlagen hätten, enden wir unsere Unterhaltung so ungeschliffen, wie Ihr sie hier vorfindet. Eben ein aus dem Alltag entnommener Snapshot. Wir freuen uns auf Euren Input und wollen mit Euch ins Gespräch über die hier angefangenen Themen kommen. René_ hat übrigens vor, demnächst eine Reihe von Artikeln über einige seiner Gedanken und Erfahrungen zum Thema “transgender” zu veröffentlichen. Stay tuned und bis bald!