_nicht die Ursache für deine Gewalt | _mein eigenes Schlachtfeld | _mir lieb | _mein Werkzeug | _meine Spielwiese | _ _ _

“Was wollen Sie eigentlich an der Universität?”

Ja, gute Frage, das frage ich mich auch manchmal. Besonders nach einem Gespräch, wie ich es kürzlich mit der Bewerbungskommission des Graduiertenkollegs [wo 1 ihre Doktorinnenarbeit schreiben und kann, und dabei auch noch Geld in Form eines Stipendiums bekommt], bei dem ich mich beworben hatte, geführt habe. Ich war eh überascht, dass sie mich dazu eingeladen hatten, damit gerechnet hatte ich nicht. Umso “schöner” [Ironie], dass einer der interviewenden Personen (15 waren es an der Zahl: 15!!) die Paradoxie des Ganzen auch aufgefallen ist: Ich kritisiere die Uni, den Wissenschaftsbetrieb und das Was, Wie und überhaupt von Auswahlverfahren, und TROTZDEM habe ich die — Dreistigkeit, Inkonsequenz, Inkohärenz, was ist es? — mich an einer Uni für ein Stipendium für meine Doktorinnenarbeit zu bewerben. Ja, was will ich da eigentlich?

[Daria:] Don’t worry, I don’t have low self esteem. It’s a mistake. I have low esteem for everyone else.

Was hier berührt wird, ist ja eine der Grundfragen, wenn 1[1] Politik betreibt. Nach der Logik dieses Menschen (Mackers, ähem), der mich da angegriffen hat, dürfte ich ja nirgendwo mehr dran teilhaben. Ich hab nämlich eigentlich immer was zu meckern. Und ich lerne grad, das auch immer (wo’s nicht gefährlich ist/erscheint) zu äußern. I’m a feminist killjoy. Das steht sogar so in meinem Profil bei OKCupid. Damit sich nachher k1[2] beschweren kann. Muss ich mich jetzt also aus allem raushalten, aus allem zurück ziehen, nur weil ich Einiges[3] von dem Scheiß, der überall passiert, sehe und aus_an_spreche? Nö. Change from within, ist halt der eine Ansatz. Der andere wäre: Destroy everything. Ja, ich geb’s zu, ich finde den zweiten Ansatz sehrsehr verlockend. Deswegen wird mir aus dem Freundin*enkreis ja auch hin und wieder vorgeworfen, ich sei so “radikal” geworden, so “extrem”.  Aber da ich jetzt doch auch wieder nicht mit Bomben werfen möchte (obwohl ichs verstehen kann, wenn 1 das möchte), bleibt mir vielleicht doch nur der Change From Within-Part. Ich will von innen am Elfenbeinturm kratzen, bis die Mauer einbricht, verstehen Sie? Herr wie-auch-immer-er-hieß. Die Wissenschaftspraxis besteht halt (zu einem großen Teil — Ausnahmen gibt’s immer) tatsächlich immer noch darin, ÜBER Menschen zu sprechen und nicht MIT Ihnen[4]. Das geht sogar so weit, dass Wissenschaftler*innen sagen: “Ich will doch nicht mit denen reden!”. Dass qualitative Methoden eine Errungenschaft sind, und nicht etwas, das 1 nur belächeln kann, ist wohl wiederum bei diesem Typen noch nicht angekommen.

Diese ganze Arroganz, die ich in und an der Uni so hasse, ist mir da auf einen Schlag entgegen gesprungen. Und ich will da trotzdem hin, ha! Wissenschaft und Universität sind so mächtige Institutionen in dieser Gesellschaft. Und von da soll ich ausgeschlossen sein, nur weil ich denen kritisch gegenüber stehe?

Warum will ich da denn jetzt eigentlich hin?

[Trent:] Um, why do you wanna go to Art College? You’re already an artist.

[Jane:] I know, but I want to be a starving artist so I need to ring up more dept.

Das gründet sich wohl einerseits, trotz aller Kritk, trotz des längst desillusionierten Blicks, trotz der allgemeinen Enttäuschtheit, immer noch auf die (romantisierte?) Vorstellung, dass die Uni der Ort ist, an dem ich (sollte ich durch das Elfenbeintor eingelassen werden) den Raum bekomme, mich Erkenntnisprozessen zu widmen. An dem ich, wenn ich einmal diese Schwelle, an der ich immerzu stehe, überschritten habe, so frei wäre wie es eben geht in unseren Verhältnissen. Also: Nicht so richtig frei. Aber ein bisschen. Und auch das ist wahrscheinlich Illusion und Einbildung. Wunschdenken. Ich sehe ja auch, wie Menschen, die ich kenne und schätze, ihre ganze fachliche Ausrichtung ändern, weil sie sonst untergehen würden und eben kein Raum für sie da ist.

Andererseits will ich aber auch ganz klar die mächtigen_herrschenden Wissensproduktions-Strukturen nutzen, um herrschaftskritisches Wissen[5] zu produzieren, das ist mein Ziel! Und nutzen will ich sie AUCH deshalb, weil sie well-funded sind und woanders das Geld (Miete! Essen! Krankenversicherung!) eben noch weniger fließt. Einfache Rechnung, oder?

Aus einem Twitter-Gespräch mit @pflaumenfeld ergab sich für mich noch diese Perspektive:

Vielleicht projiziere ich auch zu viel in diese Berufssuche rein – und muss mich davon lösen, dass ich all meine Interessen so verbinden kann, dass sie für das neoliberale System Sinn (und damit Geld) ergeben. Ist ja auch Quatsch, eigentlich, und sehrsehr gefährlich, die eigenen Interessen an die Existenzgrundsicherung_bedingung (=Arbeit) zu heften. Andererseits, Entfremdung will 1 auch nicht, und wo genau ist da jetzt eigentlich dieses vielgepriesene “Mittelmaß”, das mir als Ideallösung so ansozialisiert wurde, aber oft auch eigentlich nur scheiße ist.

Wie macht ihr das? Wie sieht bei euch das Verhältnis Job-Freizeit-Aktivismus-Interessen aus? Was erwartet_wollt ihr von eurem Job? Oder seid ihr (wie ich in ein paar Monaten auch sein werde, wenn sich nichts ergibt) gar nicht in einer Position, euch darüber überhaupt so viele Gedanken machen zu können, weil ihr einfach nehmen müsst, was da ist? Wie geht ihr damit um?

Ich fühl mich grad verloren.

Im nächsten Leben werd ich Wal_in.

Herzlich,

eure

anna Schwelle

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[1] Die Schreibweise “1” habe ich mir bei Twitter von Bäumchen abgeguckt, und finde sie großartig, denn sie ersetzt die ansonsten immer schon gender-spezifischen Personal-Pronomen genauso wie auch die unpersönlichen Pronomen und ist dabei platzsparend und gender-offen! Ich mag es aber eben auch genau so, als Zahl geschrieben, weil so jed*er Les*erin selbst aussuchen kann, wie die “1” gendermäßig “übersetzt” werden kann_soll. zurück

[2] “k1” — versteht ihr, nech? Quasi die verneinte Form von “1” :’]
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[3] Beinahe hätte ich jetzt “alles” geschrieben. Was 1. eine massive Übertreibung gewesen wäre und 2. mich fast selbst wieder in so eine selbstgerechte Gött_innen-Position versetzt hätte. Wuoah! Dabei werde ich von Menschen, die mehr oder anders sehen als ich, selbst immer wieder auf Dinge hingewiesen. Di Hia, Samia, René_ z.B.: Die machen das manchmal. zurück


[4] Eine Beobachtung, die viruletta in dem unter “Elfenbeinturm” verlinkten Post schon im November 2012 gemacht hat. viruletta hat sich auch ganz ähnliche Fragen gestellt, wie ich sie mir jetzt stelle. Lesen! :] — Im Bewerbungsgespräch hieß es dann übrigens, mein Verständnis von Wissenschaft sei “veraltet”. Nur dass ihr’s wisst: die Medienwissenschaft ist da schon viiieeel weiter, und die Sozialwissenschaft auch. Aha. Na, danke. zurück


[5] “Herrschaftskritisches Wissen” bedeutet für mich 1. jedes Wissen, das Normen angreift, unterläuft, in Frage stellt, umstößt, oder auf sie scheißt und 2. auch jede Methode zur Produktion von Wissen, die dasselbe tut. “Wissen” entsteht nämlich immer erst dann, wenn eine Behauptung, Theorie oder whatever in einer bestimmten Gesellschaft (kann auch ne Subkultur sein) Anerkennung erlangt hat. Also, klar kann ich für mich selbst irgendwas wissen. Aber so lange niemand anderes mir das als “Wissen” abkauft, kann ich damit auch nur für mich selber was anfangen (und evtl. für meine Psychohygiene_ökonomie, auch nicht zu unterschätzen) — wenn ich von “Wissen” spreche, meine ich in der Regel schon dieses anerkannte Wissen, dass eben dadurch auch eng mit Macht und Machtausübung in Verbindung steht. Dazu vielleicht bald mehr in einem anderen Blogpost. Ich finde es nämlich in Verbindung mit der Auseinandersetzung um Klassismus von vor ein paar Monaten recht überdenkenswürdig, dass der Begriff “herrschaftskritisches Wissen” gefallen ist, um die (über?)-akademisierte Sprache im Feminismus zu rechtfertigen. Macht für mich keinen Sinn. zurück

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_keine Sportmaschine

Da bin ich wieder. Ich komme grad vom Joggen zurück. Also: “Joggen”.

Ich habe seit August letzten Jahres, als ich für die RuhrTriennale als (Re-)Performerin gearbeitet habe (war kein Spaß, das könnt ihr mir glauben) und dafür fit sein musste, keinen Sport mehr gemacht. Und wenn ich sage: keinen, dann meine ich das auch so. Die meiste Bewegung, die ich mir und meinem Körper zumute, geht vom Bett aus einmal durch die Wohnung, zu Fuß zur Bushaltestelle, von da zum Büro und zurück. Ich laufe manchmal Treppen. Das ist alles.

Und langsam merke ich, wie das anfängt, mich einzuschränken. Bin ich mal spät dran und muss zum Bus rennen, brauche ich danach eine halbe Stunde, um mich zu erholen. Wenn ich schwer bepackt mit Taschen durch die Stadt muss, geht mir der Atem aus. Mein_ Freund_in sagt, meine Lunge pfeift, wenn ich atme. Hat sich wohl verengt, weil ich brauche ja nicht so viel Luft. Ich rauche auch, das macht es wohl nicht besser. Ich bin immer müde und alles kommt mir anstrengend vor.

Mein nicht Sport treiben hat natürlich Gründe. Einer davon ist, dass mir Sport noch nie Spaß gemacht hat und selbst als ich regelmäßig welchen betrieben habe (Basketball, Karate), war meine Ausdauer trotzdem immer schlecht und jeder Meter rennen immer noch ein Kampf. Ich hatte auch nie dieses Gefühl des Fitseins, das immer so gepriesen wird, oder das Gefühl, dass der Sport mir Energie gibt. Ich fühle mich nach dem Sport immer ausgelaugt und der Resttag ist danach eigentlich hin, weil ich fertig und müde bin. Manches liegt wohl einfach auch an der eigenen körperlichen Disposition. Ein anderer Grund ist aber auch eine Art Trotzreaktion gegen diesen Fitnesszwang, diese Gesundheitsnorm, diesen Körper-Optimierungswahn, der mich_uns überall umgibt. Und der nicht_Bewegung unweigerlich in Zusammenhang mit Fett_werden bringt und Fett_sein auf nicht-Bewegung zurück führt.

Laut der kursierenden Erzählungen über Fett, Gesundheit, Sport und Essen müsste ich fett sein, sehr fett. Bin ich aber nicht. Also stimmt eure Erzählung nicht. Also hört auf mit dem verdammten fat-shaming! Das ist das Eine. 

Das andere ist: Ich will in diesen Diskurs von “Ich mache Sport, weil es mir gut tut” nicht einsteigen, weil dieser “ich mach das nur für mich”- oder “wenn du es für dich selber machst, ist es in Ordnung”-Diskurs so unglaublich häufig mit einer Verinnerlichung von patriarchalen Zwängen zusammenhängt und davon ablenkt, dass das alles Teil einer Körperpolitik ist, die versucht, alle Probleme aufs Individuum abzuwälzen.

Überlegt doch mal die inhärente Un_Logik: Unsere Gesellschaft ist seit Jahrtausenden damit beschäftigt, ihre Zivilisation so einzurichten, dass di*er Mensch*in sich so wenig wie möglich bewegen oder gar körperlich anstrengen muss. Wir müssen nicht mehr weit laufen, nicht mehr schwer tragen, nicht mehr selbst etwas bauen oder h_errichten (von jagen und sammeln will ich hier gar nicht erst sprechen), alles was körperliche Schwerstarbeit und damit automatisch Training für unseren Körper bedeutet_e, wird nun entweder von Maschinen oder von bestimmten Mensch*innen verrichtet, die zu einer bestimmten Klasse gehören (auf die wir auch noch herabblicken!). Wir sind also kontinuierlich damit beschäftigt, Bewegung und körperliche Anstrengung_Arbeit aus unserem Leben zu verbannen. Und stellen GLEICHZEITIG die Forderung auf, dass mensch*in Sport braucht_en muss, um sich wohl_er zu fühlen?!? Sinn macht das nicht. Außer…..

…ich möchte das jetzt mal anders angehen: Sport ist eine Ware.

Aldous Huxley (ich mit meinem bürgerlichen Bildungswissen, jajajaja) wusste das auch schon und malte sich aus, wie Sport in s_einer manipulativen Utopie Teil der kapitalistischen Konsumfo_erderung ist:

“Primroses and landscapes, he pointed out, have one grave defect: they are gratuitous. A love of nature keeps no factories busy. It was decided to abolish the love of nature, at any rate among the lower classes; to abolish the love of nature, but not the tendency to consume transport. For of course it was essential that they should keep on going to the country, even though they hated it. The problem was to find an economically sounder reason for consuming transport than a mere affection for primroses and landscapes. It was duly found. “We condition the masses to hate the country,” concluded the Director. “But simultaneously we condition them to love all country sports. At the same time, we see to it that all country sports shall entail the use of elaborate apparatus. So that they consume manufactured articles as well as transport. Hence those electric shocks.” Aldous Huxley: Brave New World, Chapter 2

Gut, bei uns werden jetzt keine Elektroschocks eingesetzt, um die Menschen zum Sport zu treiben. Aber body_fat_shaming, Krankheits- und Todesvorhersagen, unerreichbare Schönheitsideale, Fitnessmythen und die allgemeine Körperpolizei — sind auch ganz schön kraftvolle Manipulationsinstrumente, nicht?

Sport ist eine Ware. Welchen Sport kann mensch*in denn schon für völlig umsonst betreiben? Genau: in den Wald gehen und joggen. Dafür “brauche” ich: Laufschuhe, Laufbekleidung, und – je nach Bedarf – verschiedenen Krims krams. Vor allem brauche ich aber einen Willen zur Leistung, einen Willen zum Durchhalten, einen Willen zur Selbstoptimierung, der mich immer wieder hechelnd durch den Wald treibt, damit ich mir nachher einreden kann, dass ich etwas geschafft und geleistet habe. Nicht für irgendwen (natürlich nicht, ist es ja nie) sondern ganz allein für mich selbst. Dieses “leisten” im (nicht immer Leistungs-)Sport, das ist es, was mich stört. Das ist meine Freizeit, da will ich nichts leisten. Da will ich frei_e Zeit haben, ganz einfach.

Sport heißt aber:

an sich arbeiten — sich immer weiter treiben — “diesen Punkt an dem du nicht mehr kannst überschreiten” — über deine Grenzen hinaus gehen — deine Zeit verbessern — dünner//schöner//fitter//gesünder werden

Dagegen sperre ich mich. Immer wieder Selbstoptimierung, die mich schon genug kaputt macht in allen anderen Lebensbereichen. Immer dieses Stimmchen im Hinterkopf: Ist das genug? Bringt das denn so überhaupt was? Wenn du jetzt x machst, dann musst du aber später auch yz machen, sonst bringt das doch alles gar nichts! (und: Das schaffst du doch eh nicht!)

Ganz oft ist da der einzige Ausweg, selbstbewusst zu sagen: Ich WILL es auch gar nicht schaffen. Es GEHT doch auch gar nicht darum, etwas zu schaffen. Wenn ich etwas wirklich NUR FÜR MICH tue, dann geht es doch nur darum, das ICH MICH WOHL FÜHLE. “Ich tue es nur für mich” geht nicht zusammen mit “Ich tue es gegen meinen Willen”. Darum mache ich keinen Sport. Ich habe auch heute keinen Sport gemacht. Ich war im Wald und ich hab mich bewegt. Bin immer mal wieder ein Stück gelaufen. Hab mich ein bisschen gedehnt. Immer so, dass ich nicht hecheln und keuchen und nach Luft schnappen musste. Immer so, dass ich die Sonne, das schöne Wetter und das Vogelgezwitscher wahrnehmen und sogar genießen konnte. Immer so, dass der Bewegunsmodus meiner inneren Lust entsprach. Und hier ist ja wieder so ein Widerspruch: Die Lust an der Bewegung trainieren wir unseren Kindern ja meistens sehr effizient ab (spätestens in der Schule).

Hat bei mir gut geklappt: Mein bevorzugter Bewegungsmodus ist: bei Sonne im Gras liegen.

Mal sehen, wann ich wieder raus will, wann es mich wieder nach Bewegung verlangt. Ich werde aber auch das jedenfalls nicht mehr tun, weil ich denke, dass ich es muss. Ich muss schon genug in meinem Leben.

Un_Sportliche Grüße, eure

anna- Schwelle