_nicht die Ursache für deine Gewalt | _mein eigenes Schlachtfeld | _mir lieb | _mein Werkzeug | _meine Spielwiese | _ _ _

Freund_innenschaft, Schland, -ismen und Grenzen

Anna Schwelle: Liebe Di Hia, du kommst ja in ein paar Tagen zu Besuch nach Deutschland (ich freu mich SO!). Wie ist das für Dich, diese Reise zu planen?

Di Hia: Ich hab Bauchweh. Vor allem weil ich gerad wieder diese ganzen Berichte über die rassistischen Angriffe lese. Ich habe Angst. Ich will meinen Freund beschützen und mir bammelt es schon vor der Flughafenkontrolle in Frankfurt. Ich mache mir Sorgen, dass er angegriffen wird.
Und dass er völlig schockiert von Deutschland ist.

Anna Schwelle: Dein Freund war vorher noch nicht in Deutschland, oder?

Di Hia: Er ist Algerier, bisher hatte er einmal ein Visum für Urlaub in Frankreich. Ein Visum zu bekommen ist gar nicht so einfach. Also, nee vorher war er nie in Schland. Aber er stellt sich das ganz toll vor. Ganz offen. Und tolerant.

Anna Schwelle: So präsentiert Schland sich ja auch gern nach außen. Und die meisten (weißen!) Deutschen haben auch dieses Bild von ihrem Land. Und das, während sich gerade  z.B. in den NSU-Morden und -Prozessen die ganze rassistische Kacke total deutlich zeigt – sowohl im “Untergrund”, als auch in den Strukturen selbst.

Di Hia: Ja. Also ich hab zum einen Sorge vor diesen Strukturen, also wir wollen z.b. mit dem Zug fahren….ob er dann z.b. wegen racial profiling unangenehme Situationen hat. Also das ist zum einen meine Angst. Und zum anderen hab ich sorge, dass aus meinem weißen Freund_innenkreis homonationalistische_antimuslimische Sprüche kommen.
(fun fact: he is not even muslim. wir aber so gelesen und dementsprechen mies behandelt werden)

Anna Schwelle: Es ist megatraurig, dass du vor sowas Angst haben musst – vor allem im eigenen Freund_innenkreis. Ich gehöre ja auch zu diesem weißen Freund_innenkreis. Und weiß, dass ich Teil des Problems bin_sein könnte. Ich weiß auch, dass du sowas schon erlebt hast. Und nach einem Umgang damit suchst.

Di Hia: Wundert dich das?
Ich meine, mein Freund_innenkreis spiegelt doch die Gesellschaft wider. Ist teil des Problem oder Lösung. Ich weiß, generell wollen die Menschen die Anti-whatever Aktivismus betreiben, nicht gerne hören welche eigenen -ismen sie noch inne haben.
Aber, also ich merke das bei mir selbst…..das ist einfach nen Haufen unangenehme Arbeit, die eigenen -ismen zu bekämpfen. So den eigenen Habitus zu beobachten ist halt schon neben dem generellen Alltagskram schwer.

Anna Schwelle: Wir sind halt Teil dieser Gesellschaft, in ihr groß geworden und haben all den Scheiß verinnerlicht. Aber das nimmt uns (ich meine: weiße Anti-irgendwas oder whatever) ja nicht aus der Verantwortung.

Di Hia: Und ich denke eben auch, dass Menschen die negativ von mehreren -Ismen gleichzeitig betroffen sind, vielleicht über weniger Kraft verfügen, den eigenen aktivistischen Ansprüchen gerecht zu werden. Bei den anderen….tja…weiß ich auch nicht

Anna Schwelle: Die Frage innerhalb einer Freund_innenschaft ist halt: wenn eins von mehreren -ismen betroffen ist, wieviel shit can s_he take?
In einer Freund_innenschaft gehts doch auch um Empathie und Zuneigung und Liebe füreinander. Aber irgendwo ist halt auch eine Grenze, bzw. was da passiert an Auseinandersetzungen und -istischen “Fehltritten” ist immer politisch aber vor allem AUCH persönlich.

Di Hia: Ach ich bin grad wieder so an einem Punkt an dem ich denke: Stell dich doch nicht so an. Schraub die Ansprüche runter. Shit happens. Aber ich glaube ich resigniere einfach. Wenn ich an Yasminas Brief denke, dann frag mich mich manchmal wozu das alles. Vielleicht brauch ich ein dickeres Fell.

Anna Schwelle: Ich denke ja eigentlich immer, dass Freund_innenschaften der Ort sein sollten, wo eins das dicke Fell ablegen kann. Aber das ist wohl vielleicht auch ein ganz schönes Privileg das so pauschal sagen_verlangen zu können. Und wenn ich so richtig nachdenke, trifft das ja auch bei mir nicht wirklich zu. Aber trotzdem….Ich meine, ich kenne Menschen, also PoC, die einfach generell gar keine Freund_innenschaft mit weißen Menschen mehr eingehen.

Di Hia: Ja. Verstehe ich gut. Hab ich auch n bisschen den Wunsch nach. Aber das ergibtsich ja von selbst. Ich hab in den letzten 3 Jahren glaub ich die Hälfte meiner weißen Freund_innen in den Wind geschoßen. Oder sie mich. Weil ich zu dogmatisch bin.

Anna Schwelle: Wir hatten ja an anderer Stelle (privat) schon mal über safer spaces in Beziehungen gesprochen….und festgestellt, dass auch intime Beziehungen nicht “einfach so” ein safer space sind, nur weil Menschen sich lieb haben.

Di Hia: Ja. Ich weiß noch wie ich generell in Frage gestellt habe, ob für eine Frau eine heterosexuelle Beziehung überhaupt safe sein kann. Oder aber eben auch für eine Person of Color eine Beziehung zu einer weißen Person. Ich glaub schon, dass das einfach ein Haufen Arbeit ist. Und mit viel Schmerz verbunden sein kann. Besonders wenn die Personen beide aktivistisch sind.

Anna Schwelle: Weil dann noch so ein Gefühl von “ich tu doch aber so viel Gutes” dazu kommt?

Di Hia: Ja, irgendwie schon. Also zum Beispiel mein Freund der nutzt sein männliches Privileg ständig in der Öffentlichkeit: er raucht auf offener Straße. Und ich sage immer: ich mag auch rauchen aber kann das nicht hier. Also lass du das auch sein. Und er: zünde dir doch auch eine an, ich beschütz dich.
Lol. Nein, er achte da jetzt drauf.
Und so eine Zigarette gibt mir auch keine Freiheit. Immerhin könnt ich sie nur rauchen, weil ich männlichen Schutz neben mir hab. Aber ich merke wie er sich denkt: Mensch, ich bin doch immer so bemüht…jetzt sei nicht so streng mit mir. Aber die Sache ist doch die: Entweder ich will mit anti- rassisitisch oder -sexistisch oder was auch immer verhalten oder nicht. Wenn ja, dann muss eben dementsprechend gehandelt werden. Es reicht nicht links und blogs zu lesen und teilen, es muss verinnerlicht werden und eben dieser oft schmerzhafte Prozess durchlebt werden, bei dem Mensch bewusst diese Privilegien ablegt.
Wer das nicht will soll bitte auch nicht jammern kommen.

Anna Schwelle: Privilegien ablegen. Oder sie nutzen, um Veränderung herbei zu führen? Oder sie erweitern und auf mehr Menschen ausdehnen? Wobei wenn ich da an die Homo-Ehe denke, nee, das ist Bockmist.

Di Hia: Sorry, also ich weiß schon dass mensch so Privilegien nicht einfach ablegen kann. Das würd ja dann bedeuten, dass ich sie mir auch ohne Probleme aneignen könnte. Aber halt eben in den bestimmten Momenten, davon nicht gebrauch machen. Oder einfach die Schnauze halten. Das ist generell find ich ne gute Sache.

Anna Schwelle: lol. das find ich auch dass das ne gute sache ist!
Und das würdest du dir auch von deinen weißen Freund_innen manchmal wünschen?

Di Hia: Dass sie die Schnauze halten. Ja wirklich.
LOL. jetzt muss ich grad total lachen.

Anna Schwelle: Hihi 🙂

Di Hia: Und n bisschen Eigenironie. Ja.
Zum Thema schnauze hatte me myself and child auch was schönes geschrieben.

Anna Schwelle: Ja, den Artikel find ich superdupergroßartig. Und er zielt zwar auf (cis)Männer und Feminismus, aber geht wahrscheinlich auch ganz gut auf Weiße und Rassismus zu übertragen.

Di Hia: Ja…halt eben je nach Unterdrückungsmechanismus glaub ich. Es gibt sicherlich genügend Themen bei denen ich auch meine Schnauze halten sollte. Das ändert aber eben nichts daran, dass ich als muslimische WoC in einigen gesellschaftlichen Diskursen in jedem Fall oft negativ von den Ausgängen betroffen bin und keine Lust habe zu schweigen

Anna Schwelle: Ja, klar, je nach Unterdrückungsverhältnis. Und da kommt das ja auch wieder mit den Freund_innenschaften, die dir eigentlich die Kraft geben sollten, damit du sprechen kannst (oder schreien, je nachdem).

Di Hia: Ich erwarte nicht mal dass ich Kraft aus weißen Freund_innenschaften ziehen kann….

Anna Schwelle: Damit hast du indirekt schon fast meine nächste Frage beantwortet… ich hab mich nämlich grad gefragt, ob für dich Freund_innenschaft auch bedeutet, dass die Person ein_e ally sein sollte….Für mich entwickelt es sich nämlich in Bezug auf Feminismus momentan schon dahin, dass ich mich von Freund_innen, die da nicht supportive sind, distanziere.

Di Hia: kann ich gut verstehen. Beziehungen sind aber auch irgendwie eine gemeinsame Reise….es ist sicherlich gut, sich gegenseitig Entwicklungsprozesse und Fehltritte zu zugestehen….aber alles hat eben seine grenzen.

Advertisements

Gender-Liste, Mutvilla, Queere Hochschultage, Rassismus, Solidarität, Verantwortung, Diskurs_Macht

Edit: Wir haben uns nicht positioniert, das geht nicht klar. Wir holen es hiermit nach: Wir schreiben beide aus weißer Perspektive. Außerdem möchten wir noch transparent machen, dass René_ als Referent_in auf den Queeren Hochschultagen gesprochen hat. Wir wohnen beide nicht in Berlin und sind aus Anlass der Queeren Hochschultage hier angereist. Wir haben persönliche Beziehungen zum Orgateam der Hochschultage. Am Samstagabend (11.05.) sind wir, Nadis Aufruf folgend,  zum Südblock gekommen. 

Hier findet ihr Kritik von Ele an Inhalten und Formulierungen unseres Artikels. Wir möchten darum bitten, die mitzulesen, wenn unser Artikel gelesen wird. 

Zweiter Edit, diesmal von René_ alleine, weil Anna- gerade verhindert ist: Di Hia, unsere Mitautorin in diesem Blogprojekt (meinkoerperist), hat Anna- und mich schon vor langer Zeit auf die Notwendigkeit von Selbstpositionierung hingewiesen, wir haben uns aber nach unzureichender Reflektion dagegen entschieden und in ignoranter Konsequenz auch versäumt, uns in diesem Beitrag zu positionieren. Damit haben wir auch Di Hia weh getan und Arbeit gemacht, was sie hier erklärt. Diese Gedanken wollen wir ebenfalls als Stimme hörbar neben die unsere stellen.

Die „Geschichte“ könnte lang sein, und komplex. Wir könnten sie erzählen, indem wir lang und breit aufdröseln, wer was wann (wie?) gesagt hat. Wir könnten genau darauf eingehen, welche Personen beteiligt sind und welche Verstrickungen und älteren Geschichten eventuell noch eine Rolle spielen könnten. Wir könnten erzählen, wen wir wie kennen, wann wir wovon erfahren haben, warum jetzt jetzt was schreiben, welche Emotionen und Unsicherheiten wo und wann eine Rolle spielen und sicher noch vieles vieles vieles vieles mehr.

Aber eigentlich ist ganz einfach und schnell gesagt, was passiert ist:

Person_en* übten auf der Genderliste Kritik an rassistischen Praktiken und sah_en sich krassen sexistischen und rassistischen (quasi „wunderbar intersektionalen“) Beschimpfungen ausgesetzt; sie wandte_n sich mit der Bitte um Solidarität und Unterstützung an die Facebook-Gruppe Mutvilla und bekam_en dort aber 1. keine Unterstützung und sah_en sich 2. silencing- und derailing-Strategien gegenüber.

Uns interessiert an diesem Punkt inhaltlich schon gar nicht mehr, wie die anfängliche Kritik aussah und ob sie berechtigt war oder nicht: Wenn in einem Raum, in dem ich mich bewege und_oder moderiere ei*ne Men*schin solchen (sich auf) -ismen stützenden Beschimpfungen ausgesetzt ist, dann solidarisiere ich mich mindestens in so weit mit ihr, dass ich diese Beschimpfungen zurückweise und verurteile und die Person_en, die sie ausgesprochen haben, mindestens verwarne. Das ist nicht passiert. Offenbar fühlt sich auf der Genderliste keine Person für die Moderation verantwortlich. Und Mutvilla „existiert seit ein paar Monaten nicht mehr als Gruppe“.

Genderliste, Mutvilla: virtuelle Räume, die eine_r die Möglichkeit, sich aus der Verantwortung zu ziehen, geradezu auf dem Silbertablett präsentieren. Und hier kommt jetzt der Bogen zu den Queeren Hochschultagen (QHT): Die Organisat*orinnen, die sowohl auf der Genderliste als auch bei Mutvilla aktiv sind, bzw. bei Mutvilla auch zu den Administrator*innen gehören, haben sich durch die erfolgreiche Organisation und Durchführung der QHT-Veranstaltungen als mit einer gewissen Diskursmacht innerhalb der queeren Szene Berlins ausgestattet erwiesen. Mit Diskurs_Macht kommt Verantwortung. Dennoch ziehen es die Organisat*orinnen bis jetzt noch immer vor, sich nicht explizit zu positionieren – die Nicht-Positionierung geht sogar so weit, dass die Abschlussparty der QHT, an der sich einige Vorschläge_Forderungen für die Art und Weise einer möglichen Positionierung (in Form von Thematisierung der rassistischen Strukturen und weißen Vorherrschaft in der Szene) festgemacht haben, (einfach?) abgesagt wurde. Mit der Begründung: „die gestellten Forderungen können nicht erfüllt werden“ und dass „aufgrund des massiven Veranstaltungsprogramms eine angemessene Auseinandersetzung mit den auf der genderliste und der Mutvillafacebookseite stattgefundenen Verletzungen bisher nicht geleistet werden kann

Die Party findet also nicht mehr statt und die Positionierung wird verschoben.

Nur ist eine Nicht-Positionierung in einer diskriminatorischen Situation (wie wir doch eigentlich alle wissen) eine Positionierung, die die diskriminatorische Norm_Praxis_Wirkung unter_stützt.

Uns geht es darum, festzustellen, dass all die Nebenschauplätze, die Kleinkriege, die Hackordnungsstrategien und Vorwürfe an einzelne Personen irrelevant sind für eine Einschätzung der Gesamtsituation.

Die einzelnen Äußerungen, wer sie wann und wo getätigt hat und die inhaltliche und formal-strukturelle Auseinandersetzung mit diesen ist natürlich nicht an sich irrelevant. Sie sind im Gegenteil sehr relevant, wenn es um einen Dia(poly)log zwischen den beteiligten Positionen geht. Das ist allerdings ein zweiter Schritt der nach unserer persönlichen Einschätzung erst nach einem ersten Schritt gemacht werden kann, auf den wir hier hinaus wollen:

Als in diesem Moment mit Diskurs_Macht ausgestattete Menschen, habt ihr, liebe Orga der QHT, hier gerade eine Chance (gehabt?), um ein Zeichen zu setzen für intersektionale Solidarität innerhalb der queeren Szene. Ihr hättet die Chance gehabt, mal über den Tellerrand der eigenen Verletzungen und individuellen Angreifbarkeit und Verteidigungshaltung hinaus zu schauen, um ein strukturelles Problem, dass sich gerade zu diesem spezifischen Zeitpunkt in euren (virtuellen und realen) Kreisen mit hässlicher Fratze manifestiert hat, anzupacken und Verantwortung dafür zu übernehmen, dieses Problem gemeinsam und solidarisch anzugehen.

Neben den auf dem Panel “Rassismus im Berliner queeren Netz” erarbeiteten Forderungen standen auch genug Vorschläge im Raum, wie das umsetzbar gewesen wäre. Aber anstatt anzuerkennen, dass in eurer Szene rassistische Scheiße passiert ist; anstatt anzuerkennen, dass ihr mit eurer (mindestens momentanen) Diskursmacht innerhalb dieser Szene auch eine (überindividuelle!) Verantwortung tragt; anstatt dies als Chance zu nutzen, um ein Zeichen zu setzen; anstatt dies auch als Chance zu nehmen, um bestimmte Themen einfach mal zu diskutieren – ziehen sich gerade alle aus der Verantwortung.

Das ist enttäuschend. Und da muss sich jetzt wirklich mal was bewegen.

Momentan scheinen sich da zwei Fronten zu verhärten, und so Vieles scheint sich aus unserer nicht-Berliner_innen-Sicht auch an den konkreten Personen sowohl der Initiatorin_nen der Kritik als auch der Organisat_orinnen der QHT fest zu machen. Das ist natürlich wenig fruchtbar, und das ist es auch genau, was ich meine, wenn ich davon spreche, dass mich Nebenschauplätze und Hackordnungsstrategien nicht interessieren. Solidarität gegen -istische Beschimpfungen verdient jed*e, das muss anerkannt werden. Erstens.

Und Zweitens: Hier stehen jetzt zwei Themen im Raum, die wir auch nicht hinten überfallen lassen möchten. Die zu Beginn von allem geübte Kritik richtete sich 1. gegen ein rein weißes Buchprojekt über Roma, dessen Call for Papers mit der rassistischen Fremdbezeichnung für Roma arbeitete; und sie richtete sich 2. gegen einige vor allem in der linken Szene verbreitete Modeerscheinungen, wie das Tragen von Dreadlocks, Earplugs und Mohawks, also gegen Cultural Appropriation (Klarstellung: Es handelt sich hier natürlich nur um Modeerscheinungen und Cultural Appropriation, wenn weiße Menschen sowas tragen).

Eine Beschäftigung mit diesen oder auch ähnlichen Themen, mit rassistischen Strukturen und weißer Vorherrschaft innerhalb der queeren und_oder linken Szene muss sich doch nicht an den konkreten Personen festmachen, die jetzt gerade im Vordergrund stehen. Es gibt doch in Berlin sicherlich vielevieleviele PoCs und auch Weiße, die sich immer wieder und eingehend und kritisch und aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Umgangsweisen mit solchen Themen beschäftigen. Warum bringen die sich nicht ins Spiel // werden die nicht angesprochen ?

Wir würden uns zwei Dinge wünschen: (1) dass die Organisat*orinnen der QHT aus ihrer Handlungsstarre aufwachen, sich für ihre mangelnde Solidarisierung und Positionierung entschuldigen und in Aktion treten; (2) dass sich die Debatte entpersonalisiert, so dass die Auseinandersetzung mit Themen wieder (mehr) in den Vordergrund rückt und dass wichtige Akteurin_nen der queeren Szene (zB die Organisat_orinnen der QHT oder auch des tCSD) eine öffentliche Auseinandersetzung mit diesen angestoßenen Themen an_be_treiben.

Das hier ist eine Chance: Nutzt sie.

_____________________________________________

*Da wir die Diskussionen inhaltlich von den im Fokus stehenden Personen lösen wollen, haben wir im Artikel keine Namen genannt. Allerdings wollen wir Nadezda Krasniqi aka Nadi und ihre schwere und unermüdliche Arbeit in diesem Zusammenhang auch nicht unerwähnt lassen (danke auch für den Hinweis darauf, wie auch das wieder rassistische, weiß-dominierte Strukturen re_produziert hätte!) Sie ist seit mittlerweile 6 Wochen in dieser Sache aktiv und meldet sich trotz viel Gegenwind und Anfeindungen unermüdlich immer wieder zu Wort, um gegen diese starre, stumme, anonyme und teilweise feindselige Wand anzureden, was viel Kraft und Energie kostet.

 Eure

Anna Schwelle

und

René_ La Magnifique D.S.


Mutter(un)Glück

Als vor einigen Wochen mein monogames hetero-bald-wollen- wir- Kinder- Kartenhaus ziemlich plötzlich und für mich unerwartet zusammen fiel, hatte ich gefühlt zwei Möglichkeiten:

Schnell ein neues Kartenhaus bauen, mit einem Bauleiter, der besser zu mir paßt – oder mir die Bauzeichungen selbst mal anschauen, mit den Architekten (ohne innen) und Bauzeichner*innen reden und am Ende selbst meine Entwürfe zeichnen. Ich entschied mich für Möglichkeit Nummer zwei. Mit dem Risiko, das Haus gegen eine Wohnung einzutauschen und auf eigene Kinder (vorerst) zu verzichten und auch, um eventuell fest zustellen, dass ich eigentlich gar nicht an ein Leben als Frau _von oder Tochter _von oder eben Mutter _von interessiert bin und außerdem viel lieber eine Bauleiterin als einen Bauleiter an meiner Seite haben möchte und ab und zu auch einfach mal Wohnungen wechseln ganz aufregend finde.

Jetzt bin ich schon einige Wochen auf meiner eigenen neuen Großbaustelle. Ich muß immer noch viel Schutt beseitigen und habe staubige Wimpern und rissige Hände. An manchen Tagen frage ich mich, warum ich eigentlich immer so schmerzhaft aus meiner Comfort Zone rauspresche und mich nicht einfach wie alle anderen auch (sic!) mit dem zufrieden geben kann, was die Biologie aka das Patriarchat für uns vorgesehen hat.  Es ist wohl immer mal wieder nötig zu erwähnen, das Aktivismus und Herrschaftskritik kein Hobby sind, sondern notwendiger Alltag für Menschen, die negativ von –ismen betroffen sind.

Also damit wir uns verstehen: das schmerzt grad alles ziemlich, dieses Hinterfragen und Dekonstruieren und Feststellen, dass das und das und das irgentwie nicht grad zu passen scheint. Für mich. Heute. Was morgen ist, weiß ich nicht. Und alle möglichen Bauleiter*innen geben mir liebevoll zu verstehen, „Da mußt du jetzt alleine durch.“ Muß ich auch. Will ich auch.

Ich will mich bewußt für das Leben entscheiden, das ich vorhabe zu leben. Und dafür brauch ich Klarheit. Klarheit was die Menschen meinen, wenn sie mich fragen:

Und, wann ist es bei dir/euch soweit?, Du wärst sicher eine tolle Mama

oder best one:

Ach wart mal ab, du hast nur noch nicht den Richtigen (sic!) gefunden.

Fremdbestimmung go fuck yourself!

Worüber wollte ich noch mal schreiben? Ach ja über Mutterschaft.

(Und Anna Schwelle fragt: Di Hia wo ist eigentlich deine Wut? Du bist doch wütend, oder?)

hier hatte ich schon ne menge geschrieben. das lösche ich jetzt.

Ja, ich bin wütend. Ich bin verdammt wütend und möchte hier und da einige Rahmen_bedingungen und Fertig_bauhäuser zerstören und laut schreien:

Dass ich mich gerade so einsam und verlassen fühle, ist teil eures scheiß plans! Ihr (you know who you are) wollt, dass frauen sich so unsicher und falsch fühlen! Damit wir am ende doch in die knie gehen vor haus und hof und kind und mann. Patriarchat, du miese kleine Scheißhausfliege! ich dachte die ganze zeit, dass is hier so voll das individuelle ding – ey aber ne! das betrifft nicht nur mich, sondern meine grübelei ist ergebnis eurer gewollten asymmetrie in dieser welt! fick das! und ich bin nicht in dieser situation weil ich Di Hia bin, sondern weil ich eine frau bin. und solche momente teil der lebensrealität von frauen sind.

Es gehört zu meiner Lebensrealität als Frau, dass ich mir früher oder später gedanken über kinder kriegen mache. und es gehört auch dazu, dass sich gott und die welt ebenfalls dazu äußert.

welcher mann muss sich denn bitte so über vaterschaft gedanken machen, wie wir frauen über mutterschaft? alta! mutterschaft und der wunsch nach autonomie und individualität….in einer gesellschaft wo eben hinter jeder ecke eine neue abhängigkeit, fremdbestimmung und andere scheiße lauern. welcher vater muss sich ernsthaft gedanken über seine berufliche karriere und die vereinbarkeit mit der vaterrolle machen? Vaterschaft als Institution existiert doch nicht einmal!

I wonder why…..

Boah.

schreibblockade. oder schrei_blockade?

denkblockade.

teil des spiels.

zurück zum start.

karten neu mischen.

ey und trotzdem: immer wieder hab ich solche momente, in denen ich mir nichts sehnlicher wünsche als so eine bilderbuchfamilie. als ob mein glück davon abhängen würde. aber ich hab das noch so drin.  mein leben hat nur wert, wenn ich dieses bilderbuchleben kriege.

nein.

denn

  1. ich bin mir selbst am wichtigsten. meine beziehung und liebe zu mir zählt mehr als alles andere.
  2. beziehungen sind wichtig und schön. wie diese beziehungen sein sollen, bestimmen nur die involvierten personen.
  3. ich bin die hauptdarstellerin in meinem film. it’s all about me. not about you. ihr habt neben _rollen in meinem film und ich in eurem. und das ist ok. wir sind unsere eigenen hauptfigur, der rest ist deko.

Je intensiver ich mich auf dieser Baustelle aufhalte, desto stärker werden meine feministischen Kritiken und ich empfinde es als notwendig bestimmte Antworten auf meine Fragen einzufordern.

Bei meiner Recherche zum Thema Mutterschaft stoße ich auf diesen Blogeintrag und dieses Zitat hallt seit Tagen in meinem Kopf:

pregnancy does not belong to the woman herself

Genau, denke ich mir. Mutterschaft ist keine Privatsache, sonder pure Politik und lese weiter:

Die Schwangerschaft gehöre nicht der Frau selbst, weil sie nur als passive Hülle für den Fetus objektiviert werde und weil die Medizin die Schwangerschaft allein als Prozess konzipiere, der latent pathologisch sei und deswegen mit technischen Instrumenten überwacht werden müsse. Auf diese Weise werde die Frau von ihrem Körper entfremdet und ihr Empfinden abgewertet.

Mutterschaft ist ein Konstrukt, das unter hegemonialen Gesellschaftsverhältnissen propagiert wird und ich frage mich wie einzelne Mütter sich etwas Privatsphäre in diese fremdbestimmte Rolle bringen können. Ich denke an meine wunderbaren Freundinnen, die Mütter sind (eine davon bloggt schönerweiseweise auch seit kurzem). Ich frage mich, wie ihr das schafft mit dieser internalisierten Rolle umzugehen ohne durchzudrehen. As far as I can tell, macht ihr das toll. Aber was weiß ich schon, wie der Alltag für euch, besonders die Alleinerziehenden aussieht. Ich weiß nicht wie das für euch ist, wenn ihr von Menschen beurteilt werden, die sich für die Mutterpolizei halten. Ich weiß nicht mal, ob ich selbst zu euch manchmal so bin, als würdet ihr “nur”noch aus der Mutterschaft bestehen. (Was soll das denn überhaupt sein, “nur” noch Mutterschaft…) Denn neben Mutterschaft gibt es eben noch so viel anderes was euren Alltag bestimmt.  Genauso stell ich mir das vor, als Mutter muss ich immer klar haben, dass meine Handlungen von der ganzen Gesellschaft beobachtet und beurteilt werden……

Wie schaffe ich die Gratwanderung zwischen sein und Mutter sein? Ich kann mich dafür entscheiden, dass es mir egal ist, was Menschen von mir denken aber welche Auswirkungen hat das auf mein Kind?

Die Fragen stellt sich sicherlich nicht nur die Autorin von me, myself & child.

Mutterschaft wirkt auf mich momentan aber alles andere als erfreulich, sondern eher bedrohlich. Ich bin wohl auch nicht die einzige, die sich Fragen zu dem Thema stellt. Wie ich u.a. hier und hier lese.

Und bei meinen Gedanken zur praktischen Umsetzung Familie vs. Beruf stoße ich hier  auf folgendes Problem:

Gäbe es da nicht dieses konservative “Ideal” der Gestaltung der Mutter-Kind-Beziehung, das permanent an mich herangetragen wird. Es kommt ungefähr so daher: nach einer “natürlichen” (=vaginalen) Geburt, wird das Kind solange gestillt (und getragen) wie das Kind (und der Mann und das restliche Umfeld) das möchte. Mama (und bitte nur Mama) bleibt zumindest bis zum dritten Lebensjahr des Kindes “zuhause” (=erwerbsarbeitet nicht). Wenn es das Einkommen des “Alleinverdieners” ermöglicht, gerne auch länger. Abweichungen von diesem Ideal müssen entweder mit Not entschuldigt (“Ich muss arbeiten, wir können uns das sonst nicht leisten”) oder permanent gerechtfertigt werden.

Eine andere Bloggerin spricht die ungleichbehandlung bei der kinderbetreuung an:

In vielen traditionellen Familienkonstellationen (Vater, Mutter, Kind) ist es der Mann, der einer (ganztags) Erwerbsarbeit nachgeht. Ihm steht entsprechend einer konservativen Auffassung von Arbeit auch Erholung zu. Der Grundirrtum liegt dabei in der Definition von Arbeit, die in den Köpfen vieler nach wie vor die unbezahlte Reproduktionsarbeit nicht miteinschließt.

Uff. Also noch mal: so verlockend klingt Mutterschaft grad nicht. es macht mir angst. aber ich kann die angst nicht richtig filtern. habe ich vielleicht auch angst, nicht die person zu finden, die mutterschaft mit mir doch zu einem tollen traumhaus zaubert? kann ich es schaffen, mir selbst diese person zu sein?

ich glaube einfach….da liegt einiges im argen. und ich glaube, dass unsere frauen- und mutterfeindlichen strukturen und umgangsformen die luft ziemlich verpesten.

und ich kann euch versichern, dass wenn sich nicht einiges ändert, werden wir in nicht all zu langer zeit many angry women haben, die das patriarchat unschön zu grunde richten werden. mich inklusive.

Und ich frage mich ja, ob mutterschaft und feminismus zusammen passen. nein, als feministin solle ich mich wohl eher fragen: warum sollte diese wahl einer frau NICHT ins feministische konzept passen?

Melanies Gedanken dazu finde ich auch spannend:

Drei Punkte, die ich für eine feministische Mutterschaft wichtig finde:
1. Sich kein X für ein U vormachen lassen!

2. Naivität kann sich keine leisten.

3. Statt das eine Muttermodell über das andere zu stellen, gemeinsam gegen die politischen und gesellschaftlichen Zustände stellen.

Eine Freundin von mir hat mir auch klar ihre Meinung zum Thema Mutterschaft gesagt:

  • Familienstrukturen und -bände sind Orte von (sexualisierter-) Gewalt gegen Frauen, diese Orte müssen eingegrenzt werden und re_produktion ungleicher Machtverhältnisse gehören bekämpft

  • Die Entscheidung gegen eine Mutterschaft ist eine Art des Widerstand, der als notwendig und konsequent gegen frauenfeindliche Strukturen verstanden werden kann.

  • feministische Mutterschaft kann nicht existieren.

  • In einem misogynen Unterdrückungssystem ist die Entscheidung zur Mutterschaft niemals wirklich freiwillig.

Puh. Und jetzt?

Ist eine verweigerte Mutterschaft am Ende doch der beste widerstand? Sollte ich das Thema Mutterschaft vielleicht einfach abhaken und auf dem Bauplan das Kinderzimmer in eine Bibliothek verwandeln?

Ich finde Kinder wirklich toll. Mein Herz wird warm und aufgeregt wenn ich Kinder um mich habe. Wo kommen diese Gefühle her? Hab ich diese ganze Frau sein = Mutter sein Rolle so sehr internalisiert, dass meine Gefühle mir etwas kommunizieren, was ich vielleicht doch gar nicht will?

Welche überlebensstrategie tut mir gut? Welchen Lebensentwurf möchte ich?

Wenn ich Kinder so klasse finde, könnte ich doch in einem Berufsfeld arbeiten, wo ich sie um mich habe? Ist Mutterschaft der einzige Weg? Die Rolle der Tante klingt nach dem ganzen Lesen eigentlich auch verlockend. Und so lange ich so tolle Kids wie Ms. T. z.b um mich haben kann, ist eh alles gut.

Unsere Entscheidungen sind politisch und werden dem entsprechend hart beurteilt. mutterschaft ist ein thema über dass sich die ganze welt auslässt, weil es uns frauen betrifft. weil frauen und ihre körper als ob unser frau sein und unsere körper voneinander unabhängig wären…also noch mal: weil frauen allgemeingut und thema sind. weil mit uns die welt steht oder kippt. weil unsere entscheidungen top oder flopp bedeuten. stellt euch bitte mal die energie vor, die wir frauen ins leben rufen können, wenn wir uns dieser ganzen scheiße (Fremdbestimmung) verweigern würden! seriously!

Eben Spinat-Dattel Smoothie machen. Puh. Einatmen.

Ich werde wohl heute nicht zur ganzen Antwort kommen. Ich weiß auch nicht genau, was mich gerade so auf die palme bringt: mutterschaft oder die tatsache, dass mein leben gerade von verliebt zu verlobt zu sitzen gelassen gesprungen ist.

Eine Mischung?

Nach dem lesen der ganzen bestehenden Gedanken zur Mutterschaft wünsche ich mir, dass ich es schaffe allen Müttern um mich meine Solidarität zu kommunizieren. Meine Bewunderung und meine Solidarität dafür, dass sie sich für diese Rolle entschieden haben und damit eine Reihe von Verletzungen und Asymmetrien im Alltag in kauf nehmen. Alle virtuellen Daumen und auch die echten gehen hoch für euch, dass ihr euch für ein Leben mit Kindern entschieden habt.

Ebenso gehen alle Daumen hoch an diejenigen unter euch, die sich gegen eine Mutterschaft entschieden haben oder entscheiden mussten. Auch euch spreche ich meinen vollen Support aus!

Und auch die Frauen, die sich nach der Geburt für eine Adoptionsfreigabe entscheiden oder im laufe der Mutterschaft merken, dass diese Rolle ihnen nicht passt.

Was ich schön fände, wäre ein Austausch über nicht_ Mutterschaft. Unter Frauen, versteht sich.

Was brauchen wir, um selbstbewusst mehrere Rollen miteinander zu vereinen?

Noch mal Helm auf und ab auf die Baustelle. Ich merke, da gibts noch einiges zu tun. Schon n krasses Projekt was ich mir da ausgesucht hab. I was pretty fine before I heard about feminism, u know?! Ich glaub ich zieh mich jetzt etwas zurück. Ich hab unbebautes Land, einen Garten zu bepflanzen und außerdem bin ich ziemlich gut im Luftschlößer bauen.

Ich vermute, dass ich das Konzept von Highheels hassen und sie dennoch mein Leben lang tragen kann. Und ich kann das Konzept der Mutterschaft in frage stellen und trotzdem mutter werden.

remember: don’t hate the player – hate the game!

und in patriarchalen strukturen sind wir frauen eher die player und sollten uns nie gegenseitig dissen.

ich hoffe das wird hier klar: ich kritisiere nicht eure wahl, ich kritisiere ein konzept.

von Di Hia