_nicht die Ursache für deine Gewalt | _mein eigenes Schlachtfeld | _mir lieb | _mein Werkzeug | _meine Spielwiese | _ _ _

Gender-Liste, Mutvilla, Queere Hochschultage, Rassismus, Solidarität, Verantwortung, Diskurs_Macht

Edit: Wir haben uns nicht positioniert, das geht nicht klar. Wir holen es hiermit nach: Wir schreiben beide aus weißer Perspektive. Außerdem möchten wir noch transparent machen, dass René_ als Referent_in auf den Queeren Hochschultagen gesprochen hat. Wir wohnen beide nicht in Berlin und sind aus Anlass der Queeren Hochschultage hier angereist. Wir haben persönliche Beziehungen zum Orgateam der Hochschultage. Am Samstagabend (11.05.) sind wir, Nadis Aufruf folgend,  zum Südblock gekommen. 

Hier findet ihr Kritik von Ele an Inhalten und Formulierungen unseres Artikels. Wir möchten darum bitten, die mitzulesen, wenn unser Artikel gelesen wird. 

Zweiter Edit, diesmal von René_ alleine, weil Anna- gerade verhindert ist: Di Hia, unsere Mitautorin in diesem Blogprojekt (meinkoerperist), hat Anna- und mich schon vor langer Zeit auf die Notwendigkeit von Selbstpositionierung hingewiesen, wir haben uns aber nach unzureichender Reflektion dagegen entschieden und in ignoranter Konsequenz auch versäumt, uns in diesem Beitrag zu positionieren. Damit haben wir auch Di Hia weh getan und Arbeit gemacht, was sie hier erklärt. Diese Gedanken wollen wir ebenfalls als Stimme hörbar neben die unsere stellen.

Die „Geschichte“ könnte lang sein, und komplex. Wir könnten sie erzählen, indem wir lang und breit aufdröseln, wer was wann (wie?) gesagt hat. Wir könnten genau darauf eingehen, welche Personen beteiligt sind und welche Verstrickungen und älteren Geschichten eventuell noch eine Rolle spielen könnten. Wir könnten erzählen, wen wir wie kennen, wann wir wovon erfahren haben, warum jetzt jetzt was schreiben, welche Emotionen und Unsicherheiten wo und wann eine Rolle spielen und sicher noch vieles vieles vieles vieles mehr.

Aber eigentlich ist ganz einfach und schnell gesagt, was passiert ist:

Person_en* übten auf der Genderliste Kritik an rassistischen Praktiken und sah_en sich krassen sexistischen und rassistischen (quasi „wunderbar intersektionalen“) Beschimpfungen ausgesetzt; sie wandte_n sich mit der Bitte um Solidarität und Unterstützung an die Facebook-Gruppe Mutvilla und bekam_en dort aber 1. keine Unterstützung und sah_en sich 2. silencing- und derailing-Strategien gegenüber.

Uns interessiert an diesem Punkt inhaltlich schon gar nicht mehr, wie die anfängliche Kritik aussah und ob sie berechtigt war oder nicht: Wenn in einem Raum, in dem ich mich bewege und_oder moderiere ei*ne Men*schin solchen (sich auf) -ismen stützenden Beschimpfungen ausgesetzt ist, dann solidarisiere ich mich mindestens in so weit mit ihr, dass ich diese Beschimpfungen zurückweise und verurteile und die Person_en, die sie ausgesprochen haben, mindestens verwarne. Das ist nicht passiert. Offenbar fühlt sich auf der Genderliste keine Person für die Moderation verantwortlich. Und Mutvilla „existiert seit ein paar Monaten nicht mehr als Gruppe“.

Genderliste, Mutvilla: virtuelle Räume, die eine_r die Möglichkeit, sich aus der Verantwortung zu ziehen, geradezu auf dem Silbertablett präsentieren. Und hier kommt jetzt der Bogen zu den Queeren Hochschultagen (QHT): Die Organisat*orinnen, die sowohl auf der Genderliste als auch bei Mutvilla aktiv sind, bzw. bei Mutvilla auch zu den Administrator*innen gehören, haben sich durch die erfolgreiche Organisation und Durchführung der QHT-Veranstaltungen als mit einer gewissen Diskursmacht innerhalb der queeren Szene Berlins ausgestattet erwiesen. Mit Diskurs_Macht kommt Verantwortung. Dennoch ziehen es die Organisat*orinnen bis jetzt noch immer vor, sich nicht explizit zu positionieren – die Nicht-Positionierung geht sogar so weit, dass die Abschlussparty der QHT, an der sich einige Vorschläge_Forderungen für die Art und Weise einer möglichen Positionierung (in Form von Thematisierung der rassistischen Strukturen und weißen Vorherrschaft in der Szene) festgemacht haben, (einfach?) abgesagt wurde. Mit der Begründung: „die gestellten Forderungen können nicht erfüllt werden“ und dass „aufgrund des massiven Veranstaltungsprogramms eine angemessene Auseinandersetzung mit den auf der genderliste und der Mutvillafacebookseite stattgefundenen Verletzungen bisher nicht geleistet werden kann

Die Party findet also nicht mehr statt und die Positionierung wird verschoben.

Nur ist eine Nicht-Positionierung in einer diskriminatorischen Situation (wie wir doch eigentlich alle wissen) eine Positionierung, die die diskriminatorische Norm_Praxis_Wirkung unter_stützt.

Uns geht es darum, festzustellen, dass all die Nebenschauplätze, die Kleinkriege, die Hackordnungsstrategien und Vorwürfe an einzelne Personen irrelevant sind für eine Einschätzung der Gesamtsituation.

Die einzelnen Äußerungen, wer sie wann und wo getätigt hat und die inhaltliche und formal-strukturelle Auseinandersetzung mit diesen ist natürlich nicht an sich irrelevant. Sie sind im Gegenteil sehr relevant, wenn es um einen Dia(poly)log zwischen den beteiligten Positionen geht. Das ist allerdings ein zweiter Schritt der nach unserer persönlichen Einschätzung erst nach einem ersten Schritt gemacht werden kann, auf den wir hier hinaus wollen:

Als in diesem Moment mit Diskurs_Macht ausgestattete Menschen, habt ihr, liebe Orga der QHT, hier gerade eine Chance (gehabt?), um ein Zeichen zu setzen für intersektionale Solidarität innerhalb der queeren Szene. Ihr hättet die Chance gehabt, mal über den Tellerrand der eigenen Verletzungen und individuellen Angreifbarkeit und Verteidigungshaltung hinaus zu schauen, um ein strukturelles Problem, dass sich gerade zu diesem spezifischen Zeitpunkt in euren (virtuellen und realen) Kreisen mit hässlicher Fratze manifestiert hat, anzupacken und Verantwortung dafür zu übernehmen, dieses Problem gemeinsam und solidarisch anzugehen.

Neben den auf dem Panel “Rassismus im Berliner queeren Netz” erarbeiteten Forderungen standen auch genug Vorschläge im Raum, wie das umsetzbar gewesen wäre. Aber anstatt anzuerkennen, dass in eurer Szene rassistische Scheiße passiert ist; anstatt anzuerkennen, dass ihr mit eurer (mindestens momentanen) Diskursmacht innerhalb dieser Szene auch eine (überindividuelle!) Verantwortung tragt; anstatt dies als Chance zu nutzen, um ein Zeichen zu setzen; anstatt dies auch als Chance zu nehmen, um bestimmte Themen einfach mal zu diskutieren – ziehen sich gerade alle aus der Verantwortung.

Das ist enttäuschend. Und da muss sich jetzt wirklich mal was bewegen.

Momentan scheinen sich da zwei Fronten zu verhärten, und so Vieles scheint sich aus unserer nicht-Berliner_innen-Sicht auch an den konkreten Personen sowohl der Initiatorin_nen der Kritik als auch der Organisat_orinnen der QHT fest zu machen. Das ist natürlich wenig fruchtbar, und das ist es auch genau, was ich meine, wenn ich davon spreche, dass mich Nebenschauplätze und Hackordnungsstrategien nicht interessieren. Solidarität gegen -istische Beschimpfungen verdient jed*e, das muss anerkannt werden. Erstens.

Und Zweitens: Hier stehen jetzt zwei Themen im Raum, die wir auch nicht hinten überfallen lassen möchten. Die zu Beginn von allem geübte Kritik richtete sich 1. gegen ein rein weißes Buchprojekt über Roma, dessen Call for Papers mit der rassistischen Fremdbezeichnung für Roma arbeitete; und sie richtete sich 2. gegen einige vor allem in der linken Szene verbreitete Modeerscheinungen, wie das Tragen von Dreadlocks, Earplugs und Mohawks, also gegen Cultural Appropriation (Klarstellung: Es handelt sich hier natürlich nur um Modeerscheinungen und Cultural Appropriation, wenn weiße Menschen sowas tragen).

Eine Beschäftigung mit diesen oder auch ähnlichen Themen, mit rassistischen Strukturen und weißer Vorherrschaft innerhalb der queeren und_oder linken Szene muss sich doch nicht an den konkreten Personen festmachen, die jetzt gerade im Vordergrund stehen. Es gibt doch in Berlin sicherlich vielevieleviele PoCs und auch Weiße, die sich immer wieder und eingehend und kritisch und aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Umgangsweisen mit solchen Themen beschäftigen. Warum bringen die sich nicht ins Spiel // werden die nicht angesprochen ?

Wir würden uns zwei Dinge wünschen: (1) dass die Organisat*orinnen der QHT aus ihrer Handlungsstarre aufwachen, sich für ihre mangelnde Solidarisierung und Positionierung entschuldigen und in Aktion treten; (2) dass sich die Debatte entpersonalisiert, so dass die Auseinandersetzung mit Themen wieder (mehr) in den Vordergrund rückt und dass wichtige Akteurin_nen der queeren Szene (zB die Organisat_orinnen der QHT oder auch des tCSD) eine öffentliche Auseinandersetzung mit diesen angestoßenen Themen an_be_treiben.

Das hier ist eine Chance: Nutzt sie.

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*Da wir die Diskussionen inhaltlich von den im Fokus stehenden Personen lösen wollen, haben wir im Artikel keine Namen genannt. Allerdings wollen wir Nadezda Krasniqi aka Nadi und ihre schwere und unermüdliche Arbeit in diesem Zusammenhang auch nicht unerwähnt lassen (danke auch für den Hinweis darauf, wie auch das wieder rassistische, weiß-dominierte Strukturen re_produziert hätte!) Sie ist seit mittlerweile 6 Wochen in dieser Sache aktiv und meldet sich trotz viel Gegenwind und Anfeindungen unermüdlich immer wieder zu Wort, um gegen diese starre, stumme, anonyme und teilweise feindselige Wand anzureden, was viel Kraft und Energie kostet.

 Eure

Anna Schwelle

und

René_ La Magnifique D.S.

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