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Freund_innenschaft, Schland, -ismen und Grenzen

Anna Schwelle: Liebe Di Hia, du kommst ja in ein paar Tagen zu Besuch nach Deutschland (ich freu mich SO!). Wie ist das für Dich, diese Reise zu planen?

Di Hia: Ich hab Bauchweh. Vor allem weil ich gerad wieder diese ganzen Berichte über die rassistischen Angriffe lese. Ich habe Angst. Ich will meinen Freund beschützen und mir bammelt es schon vor der Flughafenkontrolle in Frankfurt. Ich mache mir Sorgen, dass er angegriffen wird.
Und dass er völlig schockiert von Deutschland ist.

Anna Schwelle: Dein Freund war vorher noch nicht in Deutschland, oder?

Di Hia: Er ist Algerier, bisher hatte er einmal ein Visum für Urlaub in Frankreich. Ein Visum zu bekommen ist gar nicht so einfach. Also, nee vorher war er nie in Schland. Aber er stellt sich das ganz toll vor. Ganz offen. Und tolerant.

Anna Schwelle: So präsentiert Schland sich ja auch gern nach außen. Und die meisten (weißen!) Deutschen haben auch dieses Bild von ihrem Land. Und das, während sich gerade  z.B. in den NSU-Morden und -Prozessen die ganze rassistische Kacke total deutlich zeigt – sowohl im “Untergrund”, als auch in den Strukturen selbst.

Di Hia: Ja. Also ich hab zum einen Sorge vor diesen Strukturen, also wir wollen z.b. mit dem Zug fahren….ob er dann z.b. wegen racial profiling unangenehme Situationen hat. Also das ist zum einen meine Angst. Und zum anderen hab ich sorge, dass aus meinem weißen Freund_innenkreis homonationalistische_antimuslimische Sprüche kommen.
(fun fact: he is not even muslim. wir aber so gelesen und dementsprechen mies behandelt werden)

Anna Schwelle: Es ist megatraurig, dass du vor sowas Angst haben musst – vor allem im eigenen Freund_innenkreis. Ich gehöre ja auch zu diesem weißen Freund_innenkreis. Und weiß, dass ich Teil des Problems bin_sein könnte. Ich weiß auch, dass du sowas schon erlebt hast. Und nach einem Umgang damit suchst.

Di Hia: Wundert dich das?
Ich meine, mein Freund_innenkreis spiegelt doch die Gesellschaft wider. Ist teil des Problem oder Lösung. Ich weiß, generell wollen die Menschen die Anti-whatever Aktivismus betreiben, nicht gerne hören welche eigenen -ismen sie noch inne haben.
Aber, also ich merke das bei mir selbst…..das ist einfach nen Haufen unangenehme Arbeit, die eigenen -ismen zu bekämpfen. So den eigenen Habitus zu beobachten ist halt schon neben dem generellen Alltagskram schwer.

Anna Schwelle: Wir sind halt Teil dieser Gesellschaft, in ihr groß geworden und haben all den Scheiß verinnerlicht. Aber das nimmt uns (ich meine: weiße Anti-irgendwas oder whatever) ja nicht aus der Verantwortung.

Di Hia: Und ich denke eben auch, dass Menschen die negativ von mehreren -Ismen gleichzeitig betroffen sind, vielleicht über weniger Kraft verfügen, den eigenen aktivistischen Ansprüchen gerecht zu werden. Bei den anderen….tja…weiß ich auch nicht

Anna Schwelle: Die Frage innerhalb einer Freund_innenschaft ist halt: wenn eins von mehreren -ismen betroffen ist, wieviel shit can s_he take?
In einer Freund_innenschaft gehts doch auch um Empathie und Zuneigung und Liebe füreinander. Aber irgendwo ist halt auch eine Grenze, bzw. was da passiert an Auseinandersetzungen und -istischen “Fehltritten” ist immer politisch aber vor allem AUCH persönlich.

Di Hia: Ach ich bin grad wieder so an einem Punkt an dem ich denke: Stell dich doch nicht so an. Schraub die Ansprüche runter. Shit happens. Aber ich glaube ich resigniere einfach. Wenn ich an Yasminas Brief denke, dann frag mich mich manchmal wozu das alles. Vielleicht brauch ich ein dickeres Fell.

Anna Schwelle: Ich denke ja eigentlich immer, dass Freund_innenschaften der Ort sein sollten, wo eins das dicke Fell ablegen kann. Aber das ist wohl vielleicht auch ein ganz schönes Privileg das so pauschal sagen_verlangen zu können. Und wenn ich so richtig nachdenke, trifft das ja auch bei mir nicht wirklich zu. Aber trotzdem….Ich meine, ich kenne Menschen, also PoC, die einfach generell gar keine Freund_innenschaft mit weißen Menschen mehr eingehen.

Di Hia: Ja. Verstehe ich gut. Hab ich auch n bisschen den Wunsch nach. Aber das ergibtsich ja von selbst. Ich hab in den letzten 3 Jahren glaub ich die Hälfte meiner weißen Freund_innen in den Wind geschoßen. Oder sie mich. Weil ich zu dogmatisch bin.

Anna Schwelle: Wir hatten ja an anderer Stelle (privat) schon mal über safer spaces in Beziehungen gesprochen….und festgestellt, dass auch intime Beziehungen nicht “einfach so” ein safer space sind, nur weil Menschen sich lieb haben.

Di Hia: Ja. Ich weiß noch wie ich generell in Frage gestellt habe, ob für eine Frau eine heterosexuelle Beziehung überhaupt safe sein kann. Oder aber eben auch für eine Person of Color eine Beziehung zu einer weißen Person. Ich glaub schon, dass das einfach ein Haufen Arbeit ist. Und mit viel Schmerz verbunden sein kann. Besonders wenn die Personen beide aktivistisch sind.

Anna Schwelle: Weil dann noch so ein Gefühl von “ich tu doch aber so viel Gutes” dazu kommt?

Di Hia: Ja, irgendwie schon. Also zum Beispiel mein Freund der nutzt sein männliches Privileg ständig in der Öffentlichkeit: er raucht auf offener Straße. Und ich sage immer: ich mag auch rauchen aber kann das nicht hier. Also lass du das auch sein. Und er: zünde dir doch auch eine an, ich beschütz dich.
Lol. Nein, er achte da jetzt drauf.
Und so eine Zigarette gibt mir auch keine Freiheit. Immerhin könnt ich sie nur rauchen, weil ich männlichen Schutz neben mir hab. Aber ich merke wie er sich denkt: Mensch, ich bin doch immer so bemüht…jetzt sei nicht so streng mit mir. Aber die Sache ist doch die: Entweder ich will mit anti- rassisitisch oder -sexistisch oder was auch immer verhalten oder nicht. Wenn ja, dann muss eben dementsprechend gehandelt werden. Es reicht nicht links und blogs zu lesen und teilen, es muss verinnerlicht werden und eben dieser oft schmerzhafte Prozess durchlebt werden, bei dem Mensch bewusst diese Privilegien ablegt.
Wer das nicht will soll bitte auch nicht jammern kommen.

Anna Schwelle: Privilegien ablegen. Oder sie nutzen, um Veränderung herbei zu führen? Oder sie erweitern und auf mehr Menschen ausdehnen? Wobei wenn ich da an die Homo-Ehe denke, nee, das ist Bockmist.

Di Hia: Sorry, also ich weiß schon dass mensch so Privilegien nicht einfach ablegen kann. Das würd ja dann bedeuten, dass ich sie mir auch ohne Probleme aneignen könnte. Aber halt eben in den bestimmten Momenten, davon nicht gebrauch machen. Oder einfach die Schnauze halten. Das ist generell find ich ne gute Sache.

Anna Schwelle: lol. das find ich auch dass das ne gute sache ist!
Und das würdest du dir auch von deinen weißen Freund_innen manchmal wünschen?

Di Hia: Dass sie die Schnauze halten. Ja wirklich.
LOL. jetzt muss ich grad total lachen.

Anna Schwelle: Hihi 🙂

Di Hia: Und n bisschen Eigenironie. Ja.
Zum Thema schnauze hatte me myself and child auch was schönes geschrieben.

Anna Schwelle: Ja, den Artikel find ich superdupergroßartig. Und er zielt zwar auf (cis)Männer und Feminismus, aber geht wahrscheinlich auch ganz gut auf Weiße und Rassismus zu übertragen.

Di Hia: Ja…halt eben je nach Unterdrückungsmechanismus glaub ich. Es gibt sicherlich genügend Themen bei denen ich auch meine Schnauze halten sollte. Das ändert aber eben nichts daran, dass ich als muslimische WoC in einigen gesellschaftlichen Diskursen in jedem Fall oft negativ von den Ausgängen betroffen bin und keine Lust habe zu schweigen

Anna Schwelle: Ja, klar, je nach Unterdrückungsverhältnis. Und da kommt das ja auch wieder mit den Freund_innenschaften, die dir eigentlich die Kraft geben sollten, damit du sprechen kannst (oder schreien, je nachdem).

Di Hia: Ich erwarte nicht mal dass ich Kraft aus weißen Freund_innenschaften ziehen kann….

Anna Schwelle: Damit hast du indirekt schon fast meine nächste Frage beantwortet… ich hab mich nämlich grad gefragt, ob für dich Freund_innenschaft auch bedeutet, dass die Person ein_e ally sein sollte….Für mich entwickelt es sich nämlich in Bezug auf Feminismus momentan schon dahin, dass ich mich von Freund_innen, die da nicht supportive sind, distanziere.

Di Hia: kann ich gut verstehen. Beziehungen sind aber auch irgendwie eine gemeinsame Reise….es ist sicherlich gut, sich gegenseitig Entwicklungsprozesse und Fehltritte zu zugestehen….aber alles hat eben seine grenzen.

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